ie Sommerferien sind für mich immer noch die schönsten Ferien überhaupt. Einerseits liegt es an den warmen Temperaturen - ich hasse die Kälte -, andererseits liebe ich es mal nichts zu tun für 6 Wochen. So hat sich bei mir auch eine gewisse Gewohnheit in der Wahl meines Ferienortes ergeben, nämlich die Nordsee, eher gesagt Borkum. Ja, ich liebe diese Insel sehr, vor allem ist sie mir durch diese Regelhaftigkeit vertraut, man könnte auch sagen, meine zweite Heimat geworden. Deshalb fuhr ich auch in diesem Jahr wieder dorthin.
An einem wunderschönen Samstag Morgen, ca. um 4 Uhr, begann meine Reise, denn nur der Frühe Vogel fängt den Wurm, dachte ich mir. Motiviert, wie immer, sprang ich aus meinem Bett und stolperte über den Bernhardiner eines Mitbewohners, knallte gegen den Tisch und zerstörte somit den daraufliegenden, danach nicht mehr, Fotoapparat.
"Ein guter Anfang," murmelte ich , "aber ich war schon so oft da, dann werde ich diesmal halt ohne Fotos auskommen müssen."
Außerdem wollte ich mir nicht schon jetzt die Stimmung vermiesen.
"Also, immer positiv denken."
Deshalb humpelte ich in das Bad und machte mich fix Reisefertig. Das Taxi, dass ich bestellt hatte, kam leider zu früh und das Geschelle des Fahrers warf auch meine Mitbewohner aus dem Bett, die mir gegenüber daraufhin direkt die ersten Morddrohungen äußerten. Damit sich die Drohungen nicht in die Tat umsetzten, legte ich im Tempo zu und war bereits nach 10 Minuten auf der Flucht in das Taxi. Mein Taxifahrer, ein schmächtiger Mann - wohl in der Midlife-crisis- , hingegen war nicht besser gelaunt, da ich ihn hatte warten lassen und alle Versuche, doch noch die Stimmung durch ein interessantes Gespräch über meine geplanten Freizeitaktivitäten und Hobbys zu heben, scheiterten an seiner Drohung:
"Woll´n se laufen? Ne, dann is jetz Schicht im Schacht."
Um mich zu ärgern, fuhr er dann noch einen kleinen Umweg und so kam ich später als geplant am Bahnhof an. Doch zum Glück wurden meine Vorurteile von der Bahn nicht widerlegt, denn der Zug hatte eine halbe Stunde Verspätung. Deshalb konnte ich noch eine Weile auf dem Bahnsteig frieren, denn die Pullover lagen zuunterst im Koffer, den ich nicht auf dem Bahnsteig auspacken wollte. Endlich rollte der Regionalexpress ein, um mich mittlerweile blaugefrorenen Typen aufzunehmen, dachte ich. Der Zug war so voll, das ich Angst hatte, noch einzusteigen und ihn schließlich zum Platzen zu bringen. Die ganze Fahrt erinnerte mehr an einen Viehtransport, als an eine gemütliche Fahrt an die Nordsee. Selbst der Schaffner traute sich nicht durch, also hätte ich mir praktisch mein Wochenendticket sparen können. Aber nun fror ich nicht mehr, dafür roch es stark nach Schweiß und der Mitreisende, der so gepflegt war wie ein brasilianischer Straßenhund, war auch kein schöner Anblick. Jetzt könnte es nur noch besser werden, machte ich mir Hoffnung.
Schließlich kam ich am ersten Ziel an, im Emdener Hafen. Ich hatte überlebt und sog die Frische Seeluft ein. Wieder motiviert marschierte ich auf das Schiff und setzte mein letztes Stückchen der Reise fort. Das Wetter war einmalig, jedoch war kein Platz mehr auf dem Sonnendeck frei, so dass ich unter Deck musste. Dafür hatte ich dort genug Platz und ein Saunagang tat mir auch mal wieder gut.
Am Borkumer Hafen wurden wir Reisenden von der Kleinbahn abgeholt. Ich liebe die Fahrt mit ihr und nun hatte ich es endlich geschafft. Ich war auf Borkum und am nächsten Tag sollte das Ausspannen beginnen.
o kam er auch, der nächste Tag. Mich weckten die warmen Sonnenstrahlen die langsam, wie eine Spinne, mein Gesicht hochkrabbelten und das Bett in einen kleinen Grill verwandelten. Deshalb erhob ich mich, um nicht ganz zu verkochen und zog die schon halb offene Rollade nun ganz auf. Auf der Straße gingen schon die ersten Insulaner vorbei, damit sie vor den Touris noch einkaufen konnten und dem Tumult entgehen konnten. Ich öffnete das Fenster, um ein wenig Luft hinein zu lassen und sie tief einzusaugen, damit meine von der Großstadt geteerten Lungen auch etwas von der Atmosphäre hatten. Jedoch nach einiger Zeit begannen die Leute überrascht und erstaunt zu mir hinauf zu starren. Einige flüsterten, andere schüttelten ungläubig den Kopf, was für mich zunächst unverständlich war, doch dann viel mir ein, dass ich es mir auf Borkum angewöhnt hatte stark entkleidet, praktisch ganz, zu schlafen. Mir viel im ersten Augenblick der Erkenntnis nichts besseres ein, als meinen Mund zu einem weiten, pferdezähnezeigenden Lächeln wachsen zu lassen und einen rettenden Hechtsprung auf das Bett durchzuführen, wo ich auch für die nächste Stunde verblieb, um die Tomatenfarbe meines Gesichts wenigstens der eines Pfirsichs anzupassen. Na ja, aber dort wollte ich auch nicht ewig bleiben, deshalb machte ich mich strandfertig, denn ändern konnte ich die Sache von vorher sowieso nicht und irgendwie wollte ich den Tag auch nutzen. Also brach ich auf und bahnte mir meinen Weg durch den dicken Mantel der sommerlichen Schwüle zum Strand, wo mich, wie ich hoffte, eine Abkühlung erwartete.
Auf der Promenade empfing mich ein herrlicher Blick auf die Möglichkeiten, die mir dieser Sand Strand bot. Hunderte von bunt gestreiften Strandzelten, Kinder, die zum Wasser rannten, Kinder die triefend nass vom Wasser zurück kamen und die passenden Eltern dazu, die hinter ihren Schützlingen herjagten, damit diese nicht in der See verloren gingen.
"Wo will ich denn mal hin," war die erste Frage, die ich mir stellte, als ich einen Blick auf das Spektakel warf.
"In die Nähe vom Spielplatz nicht, denn dann würden die ganze Zeit Kinder um mich herum hetzen. Hm, an der Buhne vorne sieht es nicht schlecht aus. Da bin ich ungestörter, als woanders."
Die Buhne lag im Trockenen, da zur Zeit Ebbe war, und ansonsten schien das Wasser diese nur zur Sturmflut zu erreichen. Außerdem schienen dort nicht so oft Menschen vorbei zu gehen. Es gab also keinen idealeren Platz, dachte ich. Ich setzte zielstrebig meinen Gang fort. Als ich dann den Sand betrat, damit ich zur Buhne kam, wurde mein Blick von einem riesigen Schild eingefangen. Eher gesagt war es nicht zu übersehen. Vor mir machte sich eine 2 Meter mal 1.5 Meter kleine Plakatwand breit, dessen Neonrote Schrift auf Butterblumen gelben Untergrund sich in die Netzhaut einbrannte und man Mühen hatte, diese Worte überhaupt zu entziffern. Die Wand war im letzten Jahr auf jeden Fall noch nicht da, denn diese hätte ich bestimmt nicht übersehen. Ich Atmete erst einmal tief durch und setzte mir meine Sonnenbrille auf, die einem das Lesen ein wenig erleichterte, aber nur ein wenig. Es handelte sich zweifelsohne um ein Verbotsschild, dessen Inhalt mich interessierte und gleichzeitig verdutzte. Ich las es mir laut vor:
"1. Der Strand ist eine Erholungsfläche, die für Insulaner und Kurgäste mit gültiger Kurkarte zugänglich sei. Besitzt man diese Kurkarte nicht, soll man bitte einen Antrag auf das Formular K1.1.2 stellen, um diese zu beantragen und den fehlenden Kurbeitrag übergeben. Es wird kontrolliert!
2. Das Aufstellen von eigenen Zelten ist untersagt und wird mit dem Entzug der Kurkarte bestraft. Falls man jedoch den Strand wieder benutzen möchte , muss man einen Antrag nach §1 stellen.
3. Verboten ist das Mitbringen von Hunden, Fahrrädern, Drachen, Radios, Mobiltelefonen, die Müllentsorgung am Strand, das Belästigen vom Zeltmietern, das Rumtreiben zwischen den Zelten, das Baden außerhalb der Badezonen und der Badezeiten. Außerdem das Schwimmen ohne passende Badebekleidung und mindestens des Abzeichen Seepferdchen. Darüber hinaus muss man ein spendendes Mitglied beim Wasser Rettungsdienst sein, falls man auf eine Rettung besteht. Das Mitnehmen des Sandes ist untersagt.
4. Der Aufenthalt am Strand ist nur bis 22.00 Uhr erlaubt. Polizeiliche Maßnahmen können bei Nichteinhaltung erfolgen.
Viel Spaß!!!"
as einzige was mir dazu noch einfiel war "nett". Aber ich in meiner jugendlichen Überzeugung, glaubte ich sowieso nicht, das irgendeiner alle diese Regeln überprüfen würde. Na ja, wenigstens wollte ich mir den guten Ratschlag zu Herzen nehmen, nämlich "Viel Spaß". Deshalb folgte ich wieder meinem alten Plan die Buhnenspitze zu meinem Eigentum zu erklären. Also breitete ich mein Handtuch aus legte meine Kleidung ab, bis auf die Badehose, und ließ mich auf dem Tuch nieder. Es war ein wunderbares Gefühl in der Sonne zu liegen und man lernt auch sich so wie ein Schweinerippchen zu fühlen. Dann ließ ich mich bräunen, bräunen und nochmals bräunen. Ich schloss die Augen und ließ die Seele baumeln, bis sich plötzlich eine Wolke vor die Sonne schob, dachte ich. Als ich nämlich die Augen öffnete, stand ein hechelnder und schwitzender Mann in meinem Sichtfeld. Der Mann war korrekt mit einen beigen Anzug gekleidet und zu allem Überfluss hatte er auch noch eine Borkumkrawatte umgebunden und das alles bei 35°C im Schatten. Selbst ich schwitzte bei der kleinsten Bewegung in meiner Badehose und dieser Mann tat dies natürlich auch, aber er glich vielmehr einer Säule, aus deren kleine Poren das Wasser nur so hervor sprudelte.
"Kann ich was für sie tun," fragte ich unwissend und versuchte mein inneres kichern über diesen Mann zu unterdrücken.
"Ich bin vom städtischen Büro für Strandaufsicht," erklärte er und wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn, "Ich führe eine Routineuntersuchung durch."
Dann holte er einen Ausweis hervor, um seine Worte zu bestätigen. Verdutzt schaute ich in sein Gesicht und wartete darauf, was als nächstes passieren mochte.
"Ich möchte bei ihnen die Kleiderordnung nach Artikel 21 des Strandgesetzbuches überprüfen," erläuterte er und zog ein Maßband aus der Tasche. Dann legt er dieses an meiner Badehose an und maß dort und hier.
"Die Farbe ist in Ordnung, aber diese Seite hier," sprach der Mann und deutete auf den Gummizug, "ist ein wenig zu schmal."
Er notierte sich dies und prüfte dann meine Umgebung. Dann legte er seine Tasche ab und schritt einmal im Kreis, laut seine Schritte zählend, um mein Handtuch und meine Kleidung herum, die ich beim Ausziehen um mich herum verteilt hatte. Als er sich wieder an seiner Ausgangsposition befand, kritzelte er erneut auf seinem Notizblock herum. Dann schaute er sich meine Sachen penibel an und hob eine leere Dose von mir auf, die ich vor einer Weile dort abgelegt hatte, um sie später zu entsorgen. Nun begann er mir folgendes zu erklären:
"Sie nehmen zu viel Platz für eine Person in Anspruch. Laut Strandgesetzbuch stehen jedem Erwachsenen 2.5 Quadratmeter zu Verfügung. Sie besetzten 4."
"Aber hier ist doch sonst keiner," versuchte ich mich zu rechtfertigen.
"Lassen sie mich bitte ausreden, denn ich bin noch lange nicht fertig," unterbrach er mich, "Sie haben achtlos ihren Müll hier entsorgt, was streng bestraft wird. Außerdem ist der Aufenthalt und das Lagern vor öffentlichen Einrichtung zum Schutz der Insel untersagt. Sie könnten die Buhne bei ihrer Arbeit behindern. Wenn jetzt eine Sturmflut käme, dann wären sie im Weg."
"Wie bitte?"
"Haben sie die Absicht ins Wasser zu gehen," fragte der Bürokrat ohne überhaupt die Sachlage näher zu klären.
"Ja, vielleicht, aber..."
"Welche Sonnencreme benutzen sie?"
"Die hier," und ich gab sie ihm, "aber..."
"Das Habe ich mir doch gedacht. Diese Sonnencreme ist nicht für ihre Bedürfnisse geeignet. Dadurch können sie ihr Leben und das der Rettungsteams gefährden, falls sie baden gehen und einen Sonnenstich bekämen. Sie haben nämlich die falsche Sonnencreme. Diese ist nicht Wasser geeignet. Und das nur wegen ihrer Sorglosigkeit. Hatten sie schon mal einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall? Haben sie sich auf die Wahrscheinlichkeit überprüfen lassen?"
"Neiiin," entgegnete ich erbost, aber da unterbrach er mich schon wieder.
"Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Ich weiß eigentlich nicht was sie hier wollen. Bereiten sie sich nicht auf ihren Urlaub vor. Es einfach unglaublich, mit was für einer Einstellung manche Menschen hier herkommen," japste er wütend, während er mit seinen Armen fuchtelte.
Ich konnte nicht glauben, was ich in diesen Augenblicken mitmachte. Der Mann schrieb nun mit feuerroten Kopf einen Strafzettel, der mich neben einer unverschämten Geldstrafe auch noch zum Verlassen des Strandes für eine Woche verdonnern sollte. Ich verstand es einfach nicht, was da passierte, denn so etwas war noch nie da. Dann stampfte der Mann auch davon, auf den nächsten Touristen zu, um den zu überprüfen.
Nachdem ich eine Weile verwirrt und dahinstarrend verbracht habe, war meine erste Tat, nach dem Anziehen, nun das Rathaus aufzusuchen, um mich über diesen Mann zu beschweren und die Strafe abzuwenden. Doch dort erwartete mich nichts besseres. Die Menschen dort waren genau so stur und in ihre Paragraphen versessen, so dass mir meine Gesamte Urlaubslaune nun schließlich doch noch verdorben wurde. Was wäre Borkum ohne den Strand?
So setzte ich mich wutgeladen in den nächsten Zug nach Hause. Wenigstens war der leer und pünktlich, denn alle anderen waren ja an der Nordsee. Irgendwann kam auch der Schaffner, der überrascht war:
"Was machen sie denn hier? Hat ihnen die Insel nicht gefallen?"
"Fragen sie nicht. Die Bürokratie hat am Strand Einzug gehalten."
"Oh. Das ist aber schade. Dann bekomme ich jetzt erst mal ihren Fahrschein!"
Ich gab ihn mein Wochenendticket, was ich zum Glück noch nicht weggeschmissen hatte, dachte ich.
"Entschuldigen sie bitte," sprach der Schaffner mich an und hielt das Ticket hoch, "Aber das ist nicht mehr gültig."
"Wieso das denn. Das ist doch ein Wochenendticket," fragte ich verwirrt.
"Es tut mir leid, aber das gilt nur an einem Tag am Wochenende und das war gestern!"
"Nein, das ist ein Scherz. Dazu habe ich im Moment keine Lust."
"Es tut mir leid. Ich möchte sie bitten am nächsten Bahnhof den Zug zu verlassen und eine Strafgebühr zu bezahlen!"
"Ganz bestimmt nicht werde ich diesen Zug verlassen. Ich will jetzt nach Haus. Ich kann auch nachlösen, aber ich will nach Haus, denn ich bin am Ende mit den Nerven. Also haben sie Verständniss und nennen mir den Preis," bat ich höflich.
"Das geht laut der Bahnverordnung nicht. Sie müssen den Zug verlassen und wenn sie dies nicht freiwillig tun, werden dies mein Kollegen vom Bundesgrenzschutz tun," drohte er mir.
Das war für mich zu viel. Zu viel Bürokratie, zu viel Pech. Ich hatte keine Lust mehr, also blieb ich sitzen und erst die netten Beamten vom Bundesgrenzschutz halfen mir heraus. Da ich mich leider widersetzte, nahmen sie mich direkt mit, jedoch war dies der Himmel für mich.
un sitze ich nämlich hier in einer gut klimatisierten Zelle des Bundesgrenzschutzes und habe endlich die gewünschte Ruhe. Keiner der mich stört. Keiner der mir etwas vorschreibt. Ich bin einfach ich und alleine. Das ist ein schöner Sommerurlaub. Das müsste ich öfters tun.
Danke Annette!