m mich herum ist es noch dunkel. Die kühle und feuchte Luft der vergehenden Nacht ruht auf mir, jedoch fröstelt es mir nicht. Diese Morgen liebe ich. Ich nehme einen tiefen Zug von dieser Luft, so dass ich den Tau des Grases auf meiner Zunge schmecke. Die Sonne ist nicht mehr fern. Das spüre ich und bereite mich schon mal auf das morgendliche Spektakel vor. Hoch hebe ich meine Brust, um zu sagen, los Nacht, verschwinde endlich, mach Platz für den Reiter, der den Tag ankündigt.
Nach diesen Gedanken kann ich ihn auch am Horizont. Seine gelb-goldene Rüstung blitzt mir entgegen. Schnell reitet er voran und vertreibt mit seinem Schwert auch den letzten Fetzen Dunkelheit. Ihn begleitet das Schallen und Trällern von hunderten Vögeln, die seine Erhabenheit verkünden: "Seht er ist da." Hinter sich her zieht er einen Schleier. Sehr dünn und leicht schwebt dieser nun über den Wiesen, der sich bald in der Unendlichkeit des lufterfüllten Raumes verliert. Nun ist es soweit, der Tag steht in seinen Kinderschuhen.
Aber dort ist noch ein Geräusch, ein Laut, den man hier nicht oft vernimmt. Ich erhebe und entferne mich von meinem Lieblingsbaum, von dem ich schon oft das morgendliche Spektakel beobachtet habe. Beim Umschauen fällt mein Blick auf den Urheber, ein Ungetüm, nein ein Ungetüm ist es nicht und ich weiß auch, was es ist, jedoch im Vergleich zu mir ist es groß. Sein Fell glänzt in der Sonne wie poliertes Silber; seine Haare schwingen seicht bei jeder Kopfbewegung und sein Körper ist von geübten Muskeln durchsetzt. Ja, es ist es, was ich schon bewundert habe, aber dies ist der anmutigste und eleganteste von Allen. In kurzer Entfernung zu ihm stoppe ich und setzte mich in das taunasse Gras um es zu beobachten. Auch es hat mich bemerkt, mustert mich und setzt angstfrei sein Frühstück fort. Das Mampfen des Kiefers dringt auch durch die zwitschernde Umgebung zu mir vor und flößt mir Respekt vor dem gewaltigen Kauwerkzeug ein. "Das sind Zähne." Aber was würde ich geben auf diesen Rücken zu sitzen. Weit oben thronend, über Allem ruhend. Die Welt aus anderen Augen und meine Freunde beim Betrachten dieses Wesens erblassen sehend. Dann über die Wiesen trabend und so schnell wie der Wüstenwind. Soll ich es jetzt wagen? Den Traum umsetzen. Ja, ich muss es einfach wagen. Es ist der richtige Moment.
Also nähere ich mich langsam ihm. Es schaut nur kurz auf, blickt mich noch einmal an, so als ob es mir sagen möchte: "Komm ruhig!" Ich folge und setze mich auf seinen Rücken. Seine Wärme dringt in mich ein und ich kuschle mich in seine seidige Mähne. Es ist wunderbar und ich könnte mir im Moment nichts schöneres vorstellen. Es braucht einen Namen. Silberwind, ein würdiger Name für so ein schönes Pferd. Er könnte es mit dem Morgenreiter aufnehmen, aber um dabei zu sein und es zu reiten bin ich zu klein. Es ist schade, dafür kann ich aber mit ihm kuscheln. So versinke ich in meinen Träumen und Stelle mir ein Abenteuer nach dem Anderen mit ihm vor. Gut riecht er. Nach frischem Gras, nach Heu und nach seinem individuellen Geruch. Er würde seine Freiheit und sein wildes Leben mit mir teilen. Ja, wir wären eins. So verbleibe ich eine Weile, träumend von seinem Rasen durch die Felder und wie ich ihn dabei begleite.
Dieser Traum wird aber bald von einem Wiehern aus der Ferne, dass wir beide vernehmen, durchbrochen. Silberwind hebt den Kopf und spitzt die Ohren. Dann erreicht uns das Rufen noch mal und mein neuer Freund wird langsam unruhig. Was kann das sein? Seinen Kopf hebt er noch höher und antwortet mit einem tiefen, langen, beinah löwenhaften, Ruf, der die gesamte Umgebung erfüllt. Dieser ist fast so laut, dass ich mir meine Ohren zuhalten muss. Sofort bekommt er eine Antwort, die jedoch heller ist, als sein Rufen.
Langsam trabt er an und wird schneller. Für mich wird es jetzt gefährlich, denn ich kann mich kaum noch festkrallen. Er wird schneller und schneller und es kommt so, wie ich es mir dachte. Ich falle. Schnell werde ich dem Boden entgegen geschleudert und...
"Gerettet"
Im letzten Augenblick fange ich mich mit dem Flügeln ab und schwebe mit einer Windböe hinauf zum blauen Himmel. Ich schwinge mich höher und von hier aus beobachte ich Silberwind, wie er kleiner und kleiner wird. Die Zeit zum Träumen ist nun vorbei. Ein kurzer Traum, aber ein schöner.
Ich schreibe nur dies. Ferien, Borkum, Ha.-Jo.