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von R. Dornebusch
(11. November 1999)

er Morgen bricht ein und ich werde von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, die durch das Gebälk fallen. Sie sind warm, und schlummernd beobachte ich das Spiel der Strahlen mit dem Staub. Ich genieße es, wie sie sich, einem Film gleich, um meinen Kopf legen und ihn wärmen. Meine Freunde liegen noch neben mir und schlafen. Leise vernehme ich ihren Atem, Dutzende von Lungen, die sich heben und senken.
    Doch nun höre ich draußen ein Brummen von Motoren, dass langsam näher kommt. Was zum Teufel soll das Getöse um diese Zeit? Die Geräusche rollen näher, wie die Lkws, von dem sie stammen und die jetzt in den Hof einfahren. Stiefel schlagen auf dem Pflaster auf und nähern sich dem Haus.
    Plötzlich wird das Tor aufgerissen. Es schlägt hart gegen die Wand, so dass meine Freunde aufwachen. Völlig desorientiert schauen sie sich um, reden verängstigt durcheinander und schreien. Jetzt kommen mir unbekannte Männer in den großen Saal gerannt. Sie schreien herum, andere kommandieren. Ihre Kleidung ist braun und man kann sie kaum voneinander unterscheiden. In den Händen halten sie Gewehre und Stäbe, dessen Funktion ich nicht kenne, und kleine Rohrpeitschen. Diejenigen, die in der Nähe des Tores schliefen, werden von den Männern eingekreist und unter schlagen, schreien, Luftschüssen und Tritten aus ihrem Heim in den Hof getrieben. Die Hilfeschreie, die meine Freunde ausstoßen, jagen mir eine Gänsehaut ein, kalter Schweiß läuft mir über den Rücken und Fragen häufen sich in meinem Kopf: "Was soll das? Warum tun die das? Was machen die mit uns? Wir haben ihnen nichts getan. Ist es, weil wir anders sind als sie?"
    Systematisch wird Kammer für Kammer geleert. Nun ist meine Kammer dran. Ich kann nichts tun und der Urin läuft an meinem Bein hinunter und bildet eine große Pfütze auf dem Boden, zusammen mit dem einiger meiner Freunde, die es mir gleich taten.
    Die Männer kesseln uns ein, wie sie es schon bei den anderen taten und dann geht es los. Die ersten Hiebe werden ausgeteilt und die ersten rennen los und lösen eine Kettenreaktion aus. Nur ich stehe da und kann und will es nicht begreifen. Ein Tritt trifft mich, ich kann das Gleichgewicht nicht halten und kullere mich über dem Kopf ab. Doch nun laufe ich Gefahr von den anderen in ihrer Flucht Tod getrampelt zu werden. Die ersten Füße treffen mich. Einer in den Magen, der andere auf dem Fuß, wieder einer in den Magen, einer läßt knackend meine Nase brechen und Blut mischt sich unter den Urin. Schnell raffe ich mich noch auf, um nicht doch noch zu sterben, triefend naß vom Urin, stinkend, Blut verschmiert und mit gräßlichen Schmerzen humpele ich den anderen hinterher nach draußen. Die Schmerzen sind beinah unerträglich, doch ich muss es einfach schaffen, sonst bin ich tot, oder bin ich schon auf dem besten Wege dahin? Ich weiß es einfach nicht oder ist das nur ein Traum. Genau ein Traum. Es kann nichts anderes sein. Warum sollte man uns auch wegbringen? Wir haben nichts getan. Wir leben doch nur. Warum also?
    Aber für einen Traum tun mir die Knochen zu weh und mein Schädel brummt. Am Besten ich schreie mich wach.
    Nein, ich werde nicht wach. Es ist kein Traum. Oder doch, ein Alptraum. Nein, nein, nein! So etwas gräßliches kann es nicht geben. Weggerissen zu werden von den Freunden, von denen, die Du liebst, aus Deinen vier Wänden, wo Du groß geworden bist, die Du kennst, die Du nicht verlassen willst, aus denen Du jetzt rausgerissen wirst mit allen Mitteln der Brutalität. Oh, nein, so etwas darf es doch nicht geben, oder doch? Können Menschen so etwas tun? Ich muss weinen über mein eigenes Schicksal, aus Selbstmitleid.
    Wir werden in einen Lkw gedrängt. Körper an Körper! Es kann kein Licht einfallen und ich stehe wie benebelt da und tue...
    gar nichts.
    Der Konvoi rollt schwankend und brummend los.

ie viele Stunden mögen jetzt vergangen sein, vielleicht Tage? Ich habe jedes Zeitgefühl verloren und auch die Luft wird knapper. Es riecht nach Kot und Urin, denn Pausen zum Austreten gab es nicht.
    Zwei meiner besten Freunde habe ich bereits verloren. Sie wurden zerquetscht und erwürgt, doch keinen interessiert dies jetzt. Einige nutzen den gewonnen Platz und stellen sich auf ihre Kadaver. Zum Gedenken an sie bleibt nicht viel Zeit, denn es zählt nur noch eins: ÜBERLEBEN!!!
    Etwas verändert sich. Der Lkw wird langsamer und hält. Türen schlagen zu und man hört wieder Stimmen. Kurze Zeit später wird unsere Tür geöffnet und zum ersten Mal seit langem fällt Licht in den Wagen. Ich muss meinen Kopf abwenden, da das helle Licht mich stark blendet. Ich bin praktisch blind und meine Muskeln und Gelenke reagieren auch nicht mehr wie gewohnt. Doch schon werden wir hinausgetrieben mit den gleichen heftigen Mitteln, wie man uns zusammengetrieben hat. Torkelnd folge ich der Masse auf einen Hof und langsam erkenne ich auch wieder Konturen und Gebäude.
    In der Ferne steht ein Maschendrahtzaun mit Stacheldraht befestigt. Ein gemauerter Bogen mit einer riesigen Stahltür stellt den Eingang da. Überall laufen braun bekleidete Männer und Weißkittler herum, verständigen sich, schreiben, zählen und teilen scheinbar Gruppen ein.
    Unsere Gruppe wird in einen großen Raum getrieben, der mit Duschen unter der Decke bestückt ist. Hinter uns schließt sich die Tür, durch die wir gekommen sind. Zum ersten Mal, seit langem, sind wir wieder alleine, zum ersten Mal ist es völlig still.
    Ein Schrei und die Nächsten folgen, denn aus den Duschen strömt, zu meinen Erstaunen, eiskaltes Wasser. Als es mich auch trifft, atme ich tief durch und der Dreck der Strapazen, der Urin, das mein Blut und das der Freunde, die Fäkalienreste unter Füßen und der Matsch vom Sturz, all diese löst sich ab und nichts, außer einigen blauen Flecken, erinnert mehr an das Vergangene. Doch tief in mir drin ist die Wahrheit, die weiß, was passiert ist und jederzeit bereit ist, hervorzukommen.
    Das Wasser wird abgeschaltet und wieder öffnen sich Türen. Hoffnung macht sich in mir breit, dass unsere Reise ein friedliches Ende nehmen könnte und alles aufgelöst würde, vor allem das WARUM! Wir werden aber weiter getrieben, in einen Raum, der mich an zu Hause erinnert, doch etwas ist anders. Am Ende besitzt er einen einzigen, schmalen Gang zum Ausgang vielleicht? Dahinter liegt bestimmt die Lösung, die Antwort auf Alles, was mir zugestoßen ist. Genau dahinter muss es sein. Dort kann ich meine Fragen stellen, dahinter ist meine ANTWORT!
    Nun passiert etwas unerwartetes. Drei Männer kommen herein. Einer hat einen weißen Kittel an und ein Klemmbrett mit Listen. Die beiden Braunen haben einen Stempel und wieder einen der Stäbe in der Hand. Alle Blicke richten sich fragend auf sie, aber sagen tun sie nichts. Oder wollen sie nicht? Wieder gehen sie systematisch vor. Arbeiten sich von einem zum anderen durch. Einer der Männer schaut sich die Markierung am Ohr meiner Freunde an, nennt diese Nummer, der Weißkittler streicht etwas ab und der andere Braune setzt einen königsblauen Stempel auf den Leib. Ich komme bald dran und als sie alle durch haben, gehen sie wieder. Wir sind genau so schlau wie vorher, viel mehr sogar. Wir sind völlig verwirrt.
    Doch da öffnet sich Tür am Ende des Ganges. Ein grelles Licht befindet sich auf der anderen Seite der Tür. Diesmal kommen Männer mit Plastikschürzen und Handschuhen uns entgegen. Ihre Mienen sind starr und die Blicke leer. Sie machen mir Angst. Ich bin der erste der gepackt wird und ohne Gegenwehr lasse ich mich mitschleifen. Antwort, ich komme.
    Doch die Antwort gefällt mir gar nicht. Ein Mann mit riesigen Händen steht dort in einem kleinen Raum. In der Ecke liegen noch die Kadaver toter Kameraden. Er spuckt aus. Nein, nein. Das soll der Preis sein für die Reise. Hätten sie uns dann nicht lieber vor Ort töten können. Die Ganze Reise für den Tod. Er nimmt ein großes klammerähnliches Instrument das an einen Draht angeschlossen ist in die großen Hände. Ich quieke und quieke, doch meine Stimme gibt nicht mehr viel her. Er setzt es an meinem Kopf an. Ich will mich losreißen, doch da reißt mich ein starker Stromschock von den Beinen. Ich habe meine Glieder nicht mehr unter Kontrolle, alles zittert, die Gedanken setzen aus und das Herz schlägt unregelmäßiger, es tut höllisch weh, wie Tausende Nägel, die mich durchlöchern. Er setzt noch ein Mal an. "NEINNN...!"

angsam sackt es ganz zusammen. Das Zucken der Muskeln hört auf, kein Bein regt sich mehr, sein Herz schlägt nicht mehr. Ein weiteres Leben ist vernichtet und es wird wie seine Vorgänger auf den Großen Haufen geworfen. Später wird es in mehreren Arbeitsschritten zum Ausbluten aufgehängt, der Kopf abgetrennt, gereinigt, desinfiziert, zerteilt, die Knochen entnommen, zerschnitten, Filet vom Speck getrennt, eingeschweißt und verpackt, verladen, ins Kühlregal einsortiert, gekauft und gefressen.


Die Einstellung von Menschen respektiere ich sehr. Die Einstellung zweier guter Freundinnen haben mir die Idee zu dieser Geschichte gegeben und hiermit möchte ich auch ihre Überzeugung verdeutlichen. Bleibt Eurer Einstellung immer treu!

     © aller Storys beim jeweiligen Autor / Herausgeber: Herz Mariä-Jugend / Programmierung: Markus Rohde