s war eine Nacht wie jede andere Spätsommernacht im Norden Berlins: zu laut, zu heiß und von zu vielen Schreien unterbrochen. Aus den Diskotheken drangen die Bässe von Dancefloor und Techno oder die verzerrten Gitarren einiger Hardcorebands. Personen, die älter wären als 25 oder die 100 Meter nicht mehr unter 15 Sekunden laufen könnten, sollten sich nicht mehr hierher begeben, so sagte man in den besseren Kreisen der Stadt. Und so ähnlich war es wirklich; wer sich hierher wagte, der akzeptierte somit die Herrschaft von einigen wenigen, die welche kannten, die wiederum welche kannten, die einem ganz schnell zeigen konnten, wie die Mafia oder die italienische Regierung funktioniert. Um hier sich so ungefährlich wie möglich bewegen zu können, durfte man nicht auffallen, weder durch Kleidung, noch durch Worte, und so sah auch die Stammkundschaft der Diskotheken aus. So war es eben, und solange der Andrang so groß war, würde es auch noch lange so bleiben.
André setzte unsicher einen Fuß auf die Tanzfläche, denn vom vielen Bier war ihm schwindlig geworden. Er wippte leicht in dem angeblichen Takt, den die 160 beats per minute produzieren sollten. Doch was von den Lautsprechern über seine Trommelfelle an sein Gehirn weitergeleitet wurde, hörte sich eher wie die Sprengung eines Planeten an. Er zog sich die Stüssy-Kappe über seine kurzgeschorenen Haare und guckte starr geradeaus. Irgendwo in dieser Menge von zuckenden Leibern müßte doch etwas Weibliches zu finden sein, das seinem von Ecstacy aufpolierten Charakter nicht widerstehen könnte. Er ging ein paar Schritte weiter und war in der Menge, die gerade das letzte mal vor einer weiteren Woche Spießigkeit und Arbeit die Sau rausließ und dabei versuchte, die Streber und Erbsenzähler zu vergessen. Blicke streiften ihn, er fing sie auf und hielt diejenigen fest, von denen er sich mehr versprach. "Soll der Typ, der mich um halb fünf mitnimmt, doch warten," dachte er und erschrak, daß diese Uhrzeit nur noch eine Stunde entfernt war. Er mußte sich beeilen, aber er würde es schaffen, er würde alles schaffen, denn er war André Hoffmann, der sich in dieser Samstag Nacht wie in jeder weiteren zuvor in den letzten zwei Jahren gnadenlos betrunken und dann im Alkoholrausch ein paar Ecstacy-Pillen geschluckt hat. André, der nur, wenn er unter Drogen steht, in der Lage ist, ein Mädchen anzumachen und immer darauf hofft, mehr mit dem Mädchen als bloßes Arm-in-Arm-Tanzen machen zu können.
Doch dieses mal war etwas anders. Es war vorerst sein letzter Besuch hier, denn seine Eltern würden aufgrund des Berufs des Vaters in eine Provinz nach Oberbayern mitten in der Natur ziehen, und er würde natürlich mitkommen. "Natur, bestimmt soll ich auch noch mit ihnen Spaziergänge machen," so hatte er die Spießigkeit seiner Eltern und seines neuen Wohnortes oft seinen Schulkollegen ausgedrückt, aber was kann man schon mit 17 Jahren gegen seine Eltern tun? Da nützen weder Argumente, daß Bayern uncool ist, was er schon vorher als unfruchtbares Argument ausgemacht hatte (aber man weiß ja nie), noch, daß er komplett aus Schule, Sportverein, Fahrschule und Freundeskreis herausgerissen werden würde. Das einzige Argument für einen Standortwechsel wäre das neue Haus, das Andrés Vater von seiner Firma bereitgestellt werden würde. Verglichen mit den 98 Quadratmetern Satellitenstadt-Deutschland, die er im Moment sein Heim nennen durfte, würde ein Haus mit zwei ihm im voraus versprochenen Zimmern schon wesentlich mehr Platz für Computer, Stereoanlage und Co. bieten. Mit wem würde er dann aber im Internet surfen oder nächtelang Quake spielen, wenn er JP hier lassen müßte?
JP hieß eigentlich Jochen Paetzold und war das, was André einen Kollegen nannte. Er hörte immer wie er die neueste Musik, trug coole Klamotten und war wie André gerade dabei, seinen Führerschein zu machen. JP hatte von seinen Eltern schon zum 17. Geburtstag seinen Wagen in Form eines Gutscheins über ein Auto im Wert bis zu 40.000 Mark geschenkt bekommen, das André dann mit ihm ausgesucht hatte. Sie hatten sich einen Golf ausgesucht, den sie hinterher selber tiefergelegt und mit einigen Extras versehen hatten, um an der Ampel allen Bonzen in dicken Kutschen zu zeigen, was wirklich cool ist. Mit einem Auto an der Ampel anzugeben war sowieso das einzig Sinnvolle, was man in Berlin mit einem Auto anfangen konnte, weil man nach spätestens 50 Metern in jedem Fall vom allgegenwärtigen Stau wieder eingeholt wurde. Vor diesem Hintergrund erschien die Freiheit bayerischer Landstraßen geradezu grenzenlos. Eigentlich wollten sie den Wagen an JP's Geburtstag mit einer Flasche Sekt einweihen, aber daraus würde jetzt wohl nichts mehr werden, denn dieser Tag lag in der Woche nach Andrés Umzug, und der war schon selbst in einer Woche. In dieser Woche, so hatte Andrés Vater immer gesagt, würde er das neue Haus hassen wegen der gesamten Umstellung und der vielen Arbeit, dann aber würde er es lieben und nicht mehr ins hektische Berlin zurückwollen. "Jaja," dachte er dann immer, "Du hast Ahnung vom Leben und von dem, was mir hier an Spaß mit JP entgeht." Anscheinend wurde aber keine Rücksicht auf seine Einwände genommen.
Die Diskonacht ging vorüber, wie immer ohne Mädchen, dafür aber nicht, ohne einen gewaltigen sonntäglichen Kater zu hinterlassen.
Mit jedem gelebten Tag rückte Andrés privater D-Day immer näher, und die Vorbereitungen für den Umzug nahmen zu. Er packte immer mehr seiner Sachen in Kartons ein, was ihm wie das Begräbnis seiner Jugend vorkam und für ihn das Ende jeglichen Spaßes erschien. Würde dieser Umzug nicht nur seinen Wohnort verändern, sondern auch ihn selber? Würde ihn dieser Umzug alles das kosten, was er jetzt Lebensqualität nannte, die Parties, Klamottenkäufe aus seinem reichlichen Taschengeld in den abgefahrensten Shops, Kollegen und und und ...?
tille. Ein großes, weißgetünchtes Haus ragte sanft aus den hohen Büschen und Bäumen des Gartens auf, der gerade zum ersten Naschen der hervorgebrachten Früchte einlud und die Nasen der neuen Hauseigentümer mit angenehmen Düften umspielte. Sie waren da, verpflanzt aus dem Mutterboden in neue unbekannte Erde, von der sie nicht wußten, ob sie in ihr wirklich alles zum Leben finden würden. Dem äußeren Anschein aber nach zu urteilen, waren sie richtig. Als André zum ersten mal die Türschwelle überschritt und er das bereits fertig eingerichtete Wohnzimmer sah, liefen ihm Schauer über den Rücken. Alle anderen Räume waren bisher nur neu renoviert, aber noch nicht eingerichtet, das würde in den nächsten Tagen alles gemacht werden. Andrés Eltern waren nach dem Hereintragen der Kartons ein wenig spazieren gegangen, um einen ersten Eindruck von der neuen Umgebung zu gewinnen. André inspizierte die Räume, schaute sich jeden Winkel an und ließ die Atmosphäre eines leeren Hauses auf sich wirken. Leer, ja, so fühlte er sich jetzt auch, dem direkten Einfluß seiner Eltern ausgesetzt, von seinen Kollegen verlassen, entwurzelt, zwischen stummen Bäumen, in einer Landschaft, die soviel mit dem Menschen zu tun hat wie er mit Volksmusik.
Er ging ins Wohnzimmer, wo die Kartons mit den Büchern seines Vaters herumstanden. Er zog seine Vans aus. Seine Kappe legte er neben seine Schuhe. Er setzte sich in den Schneidersitz und aus Langeweile nahm er einige von Vaters Lederbänden heraus und blätterte in ihnen herum, um sie kurz darauf wieder zuzuschlagen, bis sein Blick an etwas haften blieb.
BERTOLD BRECHT: MAßNAHMEN GEGEN DIE GEWALT
ls Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen - die Gewalt.
"Was sagtest du?" fragte ihn die Gewalt.
"Ich sprach mich für die Gewalt aus", antwortete Herr Keuner.
Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete: " Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt."
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte:
In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem stand, daß ihm gehören solle jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte; ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlangte; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe.
Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: "Wirst du mir dienen?"
Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: "Nein."
ie er es in der Schule gelernt hatte, interpretierte André die Kurzgeschichte. "Bertold Brecht will seine Leser mit der Kurzgeschichte "Maßnahmen gegen die Gewalt" von neunzehnhundertsowieso von seiner Meinung überzeugen, daß Gewalt nie gerechtfertigt ist, auch keine Gegengewalt. Bla bla .." sagte er vor sich laut in den Raum, so daß er ein leises Echo hörte. Wie schlafwandlerisch stand er während seiner tiefgehenden Analyse auf und ging zur Terrasse, die er das Buch zuklappend betrat. Die letzten warmen Strahlen der knapp über dem Horizont stehenden Sonne trafen auf seine Haut, und sie gaben André ein Gefühl der Zufriedenheit. Seine Füße, die nur noch mit Tennissocken bekleidet waren, fühlten die Unebenheiten der Platten, mit denen die Terrasse gepflastert war. Die Platten waren warm. Er lehnte sich an die Hauswand an, die den ganzen Tag von der Sonne beschienen gewesen war und spürte sogleich die von ihr ausgehende Wärme und Behaglichkeit. Er schloß die Augen, atmete tief und genoß die völlige Ruhe des Gartens, die nur vom Singen einiger Vögel angereichert wurde. "Vielleicht kenne ich ja auch meinen Agenten," sagte André, und ging zur nächsten Telefonzelle, um Jochen anzurufen und ihm von der Schönheit der Natur zu erzählen.