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von Tobias Ralph Hartwich
(Anfang bis Mitte 2000)

nd so begab es sich in jenen Tagen, dass die Kosten für die Unterhaltung des Höllenfeuers zu stark stiegen. Die Liberalisierung der Energiemärkte hatte sich nämlich nicht bis zur Hölle durchgesetzt, so dass vermehrt über alternative Methoden der Bestrafung nachgedacht werden musste. Viele Vorschläge waren gemacht worden, die meisten aber waren nicht umsetzbar; Bestrafung durch ewiges Hören der Kelly Family würde schließlich auch die Arbeitsleistung des Aufsichtspersonals mindern, und bei der derzeitigen Beschaffenheit der Personaldecke, die über die Jahre im Zuge von Kosteneinsparungen und knappen Strömen finanzieller Mittel nur noch so dick war, dass viele Frischlinge in der Hölle scherzhaft meinten, dass man sie faxen könne, war dies einfach nicht zumutbar. Diesen Frischlingen würde das Scherzen noch vergehen. Nach einem Monat Sisyphus-Arbeit würden sie nicht mehr lachen. So wurde nach weiteren Vorschlägen einer auserkoren, der so schnell wie möglich in die Tat umgesetzt wurde. Die Lösung war nur teilweise gut, da viele bemängelten, sie würde nicht adäquat das bedeuten, was Christen unter dem "Zustand ohne Gott" verstünden. Jedoch war sie von praktischem Nutzen und daher in bereits angesprochenen armen Zeiten wie ein Segen. Die Kollegen von der Finanzierung konnten aufatmen und die Bilanz würde wieder besser aussehen, wie bald der Börsenwert.
    Der Vorschlag bestand darin, alle Hölleninsassen jeweils alleine in einen Raum der alten Höllenfeuerbetriebsanlage zu bringen und dort solange zu lassen, bis dass sie diesen Raum komplett von Verunreinigungen aller Art gesäubert hätten. Eine unmögliche Aufgabe, nicht nur nervtötend, einfach unmöglich. Vielleicht hätte dazu bemerkt werden sollen, dass den Insassen keine Reinigungsmittel, ja noch nicht einmal Lappen zur Verfügung stehen würden. Abteilung Produktplanung war der Ansicht, dies hätte bei den Insassen entweder eine frustrierende oder motivierende Wirkung, so dass Abteilung Marktprognose der Meinung war, dass das Produkt die vom Dienstleister gewünschte Zufriedenheit voll erreichen würde. Abteilung Internationale Beziehungen wies daraufhin, dass die Beseitigung von Verunreinigungen aller Art von manchen Kunden auch als geistig-theologische Anforderung zu verstehen sei und so auch Reaktionen "der befremdlichen Art" möglich seien. Dies sei jedoch höchst unwahrscheinlich, hielte man sich vor Augen, dass man sich in der Hölle befände und die Zielgruppe schon sehr genau angesprochen wurde.
    So war die Planung; die Absegnung - natürlich in diesem Fall rein bildlich zu verstehen - durch den Vorstand erfolgte schnell, unkompliziert und ohne jegliche Auflagen.
    So geschah es in jenen Tagen, die Pläne wurden verwirklicht und schon bald stellte sich heraus, dass das Konzept ein voller Erfolg werden würde.
    Nachdem die infernale Bestrafung nun auf diese Art bewerkstelligt wurde, entspannte sich die Atmosphäre bei den Höllenobersten. Wie erwartet kamen die Insassen nicht mit der ihnen gegebenen Aufgabe zurecht, und ihnen erschien ihre Aufgabe als Martyrium, wie es schlimmer nicht sein konnte. Gezwungen, mit den bloßen Händen den eingebrannten Dreck der Jahrtausende abzukratzen, zusammenzufegen, zu beseitigen, es trieb sie alle in den Wahnsinn. Und das war gut.
    Sie jammerten, sie stöhnten und verfluchten, was sie glaubten, in ihrem früheren Leben falsch gemacht zu haben. Sie rebellierten, revoltierten, weigerten sich und wurden immer wieder durch Schmerzen gezwungen, mit der Arbeit weiter zu machen. Man hätte auch sagen können, wieder von vorne anzufangen, denn der Dreck rieselte aus alle Löchern, aus Fugen und Spalten und Ritzen, Rost platzte von Metall ab, alles verkam. Ein elendiger Ort, so sollte es sein. So war es gut.
    Und wenn sie jammerten, dann freuten sich die Wärter, wahre Höllenwärter, die durch höllische Gewalt ihre Opfer wieder in ihr Martyrium trieben, wenn sie sich verweigerten. Jeder quält sich eben so gut wie er kann, dieses Motto ließ man wieder aufleben, und so nutzen sie ihre Macht und flößten allen Leidenden immer wieder Motivation und inneren Zwang ein, mit der Säuberung weiterzumachen. Säuberung? Schon als dieses Projekt vorgestellt wurde, war vielen bei dem Namen Säuberung ein leichtes Lächeln über das Gesicht gezuckt, denn schließlich wusste jeder, dass die Arbeit vielmehr nur darin bestehen konnte, den Dreck zu verteilen als ihn zu beseitigen. Wie sollte man denn auch einen Raum säubern ohne irgendwelche Hilfsmittel?
    Die Leidenden behielten ihre Körper, von denen sie gehofft hatten, sie auf Erden zurückzulassen. Die meisten waren alte Körper, gezeichnet vom Alter, von langen Leiden, vom unerbittlichen Nagen des Todes an allen Zellen, Muskeln, und schließlich auch an der Menschlichkeit.

ieht man sich die Hand des Menschen in Bewegung an, so erschaudere ich vor der Fertigkeit und Perfektion, die die Natur hervorgebracht hat. Ein Werkzeug, gleichzeitig geeignet, meinem Gegner die Kehle zuzudrücken und Blumen zu pflücken, einen Körper zu streicheln und die Zweige eines Baumes abzureißen.
    Sah man sich die Hände der Hölleninsassen an, so sah man bis auf die gebrochenen Knochen, die den Handballen und die Finger bildeten. Das Fleisch hing lose und vereinzelt in Fetzen am Handgelenk und blutete nur noch vereinzelt. Die vereiterten Wunden waren schwarz vom Kohlenstaub, und das ehemalige Weiß der Knochen war zu einem schattierten grau geworden. Die Sehnen waren größtenteils gerissen und hingen schlaff von den Händen herab. Wer jetzt denkt, so eine Hand könnte sich nicht mehr bewegen, der war noch nie in der Hölle, wo vieles möglich ist. Wer jetzt denkt, mit so einer Hand könnte man nicht mehr auf Metallplatten schlagen, von denen der Rost abfallen sollte, der wurde noch nie psychisch kontrolliert. Und wer denkt, dass solche Verletzungen höllisch - wie passend - schmerzen, der hatte recht.
    In "Geschlossene Gesellschaft" von Jean-Paul Sartre werden drei Menschen nach ihrem Tod in einem altmodischen Zimmer eingesperrt, in dem sie die Ewigkeit verbringen müssen. Nachdem alle zuerst sich als friedvolle Menschen dargestellt haben, merken sie, dass es sinnlos ist, in der Hölle über seine Vergangenheit zu lügen, und so erzählen sie über die Verbrechen, die sie in ihrem Leben begangen haben. Schon nach kurzer Zeit wird das Klima in unserer Wohngemeinschaft sehr aggressiv, man spinnt Intrigen, ganz offensichtlich, denn zurückziehen kann man sich nicht. Schon nach kurzer Zeit scheitert der Versuch, die Ewigkeit mit Schweigen zu verbringen. Und genau so schnell stellt sich heraus: L'enfer, c'est les autres. Die Hölle, das sind die anderen. Das perverse an dieser Einsicht ist es auch, dass die Bewohner gerne in die Rolle des Peiniger rücken. So nahm ein Bewohner eine Möglichkeit zur Flucht aus dem Raum nicht wahr und blieb, um weiter eine bestimmte Mitbewohnerin zu plagen. Ich erleide Schmerzen, um anderen weh zu tun. Pervers, die Menschheit.

on den Insassen der neuorganisierten Hölle konnte man nicht behaupten, dass es sich hierbei um eine geschlossene Gesellschaft handelte. Vielmehr stellten sich wie bei Sartre Gruppen heraus, die einzelne Insassen tyrannisierten und ihnen das Leben im Tod noch weiter erschwerten. Zuerst war von den Wärtern überlegt worden, diesen Trend durch beherztes Eingreifen zu unterbinden, doch wurde schon schnell sichtbar, dass die Sticheleien unter den Insassen wesentlich demotivierender waren als alle Sanktionen, Schmerzen, Schikanen. Dabei waren aber die Rädelsführer der tyrannischen Gruppen keineswegs besser gestellt als die der unterlegenen Gruppe. Sie litten und schnauften, sie hatten die gleichen Schmerzen, und ihr Körper verfiel genau so erbärmlich wie die der anderen auch. Und doch waren sie anders. Da sie herrschsüchtig waren, verhalf ihnen das kurze Unterjochen der anderen zu innerer Freude; etwas, das es sonst nicht gab. Aber da sie eben herrschsüchtig waren, ärgerte es sie immer mehr, wenn ihnen ihre Grenzen gnadenlos aufgezeigt wurden, und der Ärger überwog. Sie wurden verbittert und randalierten, sie verloren ihre Kraft an ihrer eigenen Zerrissenheit.
    Die unterlegene Gruppe bestand aus vielen Arten von Charakteren. Sie war weitaus größer als die Gruppe der Tyrannen, aber sie war zu schwach, als dass sie ihr hätte gefährlich werden können. Die meisten Gruppenmitglieder waren sehr scheue, von Verzweiflung gezeichnete Wesen, die alles über sich ergehen ließen. Ohne Antrieb oder Motivation, ohne innere Kraft oder Entschlossenheit. Würde man ihre Seele zeichnen, entstünde ein schwarzes Blatt, auf dem der letzte Funke schon lange erloschen war. Nicht nur erloschen, ausgedrückt, erstickt, ausgelöscht, weg und tot, für immer. Und würde ein Lichtstrahl auf dieses Blatt fallen, dann würde nichts schimmern oder heimlich glitzern, es bliebe schwarz, als ob nichts diesem Schwarz etwas anhaben könnte.
    Andere Gruppenmitglieder waren sich sehr deutlich der Ungerechtigkeiten bewusst, die sie von der Gruppe der Tyrannen zu erleiden hatten. Sie litten innerlich, machten sich Gedanken, wie sie ihre Tortur beenden könnten, wurden von diesen Gedanken zu wilden Plänen verleitet, was wie geschehen müsste, um all dem ein Ende zu setzen. Doch merkten sie sehr schnell, dass sie sie nie umsetzen würden können. Dass sie noch nicht einmal in die Nähe eines erfolgversprechenden Versuches gelassen würden. Dass alles mühsam geplante, erhoffte, verworfene, neuaufgenommene, vieldiskutierte und letztlich festgestellte nie auch nur etwas verändern würde können. Und mit der Zeit brannten sich die frustrierten und frustrierenden Gedanken weiter und weiter in ihre Herzen ein, die nur noch mühsam schlugen. Sie würden ihren Dienst aber nie aufgeben. Nicht, wo sie jetzt waren.

er Vorstand der Abteilung Produktplanung war mit seinem Ergebnis sehr zufrieden. Einen solchen Erfolg hatte sich niemand erträumen lassen, niemand hätte gar zu hoffen gewagt, dass ein derart erfreuliches Ergebnis auch auf andere Art als dem Höllenfeuer erreicht werden könne. Und die alten Ergebnisse des Höllenfeuers wurden bei weitem übertroffen. Abteilung Marktforschung hatte berichtet, das Martyrium der "Hölle" würde von den Insassen weitaus schlimmer und zermürbender empfunden als vorher, so dass sich viele, die schon beide Arten der Bestrafung am eigenen Körper miterlebt hatten, wieder ins Feuer wünschten. Konkrete Ergebnisse lägen noch nicht vor, aber Einzelbeobachtungen hätten einen mehr als positiven Trend aufgezeigt.
    Und um diesen Erfolg nach außer hin zu manifestieren, wurde eine Marktstudie bei einem renommierten Marktforschungs-Unternehmen in Auftrag gegeben, das für seine ungewöhnlichen Methoden und beeindruckenden Ergebnisse bekannt war. Die anfallenden Kosten waren natürlich auch mehr als außergewöhnlich, aber die Kapitalgeber wollten schließlich plakative und kurssteigernde Ergebnisse sehen, so dass die Beauftragung dieses Unternehmens in aller Interesse war. Es wurde erwartet, dass der positive Trend bestätigt wurde, was bei ersten Gesprächen auch mehr als deutlich gemacht wurde, indem die Neuorganisation der Hölle nur allzu deutlich erklärt und vorgeführt wurde. Dabei ließen es sich viele Vorstandsmitglieder nicht nehmen, selber die Räume der alten Höllenfeuerbetriebsanlage zu betreten und dort im Dreck herumzuwüten.
    Die Vertreter des Marktforschungs-Unternehmen waren beeindruckt von der Kreativität, die man sich bei der Bestrafung hatte einfallen lassen. Es würde nicht leicht werden, hier einen adäquaten Test durchzuführen, der alle Vorzüge und Nachteile glaubhaft gegenüberstellen könnte; die Qual der Insassen war einfach zu bedrückend; die Sisyphus-Arbeit zu offenbar und die Organisation bei weitem zu straff, als dass jemand ihr hätte entgehen können.
    Das Unternehmen erbat sich eine längere Zeit zur Ausarbeitung der Fallstudie, so komplex erschien ihnen die zu bewältigende Aufgabe. Den Vorstandsmitgliedern war dies nur recht; seit der Fusion mit der Nirwana AG der Buddhisten war man sowieso das einzige notierte Papier in Umlauf; einzig und allein die Optionsgeschäfte einiger spekulierender Händler würden ihren Inhabern einige schlaflose Nächte bereiten, doch dies waren keine Probleme, noch nicht einmal Peanuts.
    Beim Unternehmen begann die Arbeit in penibler Marktanalyse und dem Vorbereiten einiger Tests, mit denen die neue Art der Bestrafung auf Herz und Nieren geprüft werden sollte. Es war nur logisch, dass die Testperson wie jede andere die Hölle betreten sollte und der Einführungsveranstaltung beim Obersten beiwohnen sollte. Unerkannt, versteht sich. Danach würde sie in den ihr zugeteilten Raum gebracht werden, in dem sie ihr weiteres Dasein fristen sollte. Lange wurde überlegt, welche Person die geeigneteste wäre, um objektiv Schwächen ausfindig zu machen. Waren es nun körperlich starke Person, die gerade erst gestorben waren, Menschen mit Charisma, leidensfähige Menschen, vom Aussehen her wunderschöne Menschen, mental Starke oder Anpassungsfähige? Lange und hitzige Diskussionen wurden geführt, nächtelang wurde überlegt, Beziehungen ließ man spielen, um am Ende zu dem perfekten Ergebnis zu gelangen.
    Da man auch schon vielfach mit dem Himmel, rückständig noch als GmbH organisiert, zusammengearbeitet hatte als man noch ein Catering-Unternehmen war und hauptsächlich Hochzeitsmahle angerichtet hatte, unterhielt man noch rege Kontakte zu den Himmelobersten. Diese erfuhren von den Aktivitäten, die in der Hölle abliefen und auch von der Beauftragung des Unternehmens. Von ganz oben wurde Hilfe angeboten. Zu sehr war man daran interessiert zu erfahren, wie nun denn die Konkurrenz arbeitete. Himmel und Hölle waren schließlich seit langem keine Feinde mehr, dies war schon lange her. Vielmehr betrachtete man sich als Duopol und Partner, die ohneeinander nicht funktionieren konnten. Ja, ganz am Anfang hatte es noch Streitereien und Gehässigkeiten gegeben, als vom Himmel öfters das Höllenfeuer mittels eines starken Schneesturms ausgeblasen wurde oder der Eingang zur Hölle manchmal zugekettet war, dass die ankommenden Wesen doch noch zum Himmel überlaufen konnten, doch in den letzten Ewigkeiten war man sehr gut miteinander ausgekommen.
    Und so wurde von ganz oben ein Vorstandsmitglied als Testperson des Marktforschungs-Unternehmens eingesetzt, das nach entsprechender kosmetischer Behandlung in die Hölle geschickt wurde. Niemand aus er Hölle wusste davon; nicht die Wärter, nicht die Insassen, noch nicht einmal der Vorstand selbst. So sollte es sein.
    Der Test begann; unsere Testperson bekam abgerissene Kleidung angezogen und wurde geschminkt, so dass jeder ihr ein miserables, elendiges Leben nachgesagt hätte. Da kamen traurige Gesichtszüge fast automatisch dazu, so unwohl fühlte sich unsere Testperson.
    Die Einführungsveranstaltung in der Hölle fand auf dem Werksgelände der alten Höllenfeuerbetriebsanlage statt. Ein imposantes Gelände mit unglaublich riesigen uralten Industriegebäuden aus Backsteinen, die die Zeit hatte schwarz werden lassen. Nirgends wuchs etwas, keine Pflanzen, kein Unkraut, nichts. Selbst wenn irgendetwas, eine Wand oder Mauer etwa, bei der Errichtung verputzt geworden wäre, so wäre hiervon nichts mehr übrig geblieben. Wo damals Scheiben in Aussparungen in den Wänden gesessen haben, was man gemeinhin als Fenster bezeichnete, waren jetzt nur noch kahle Stellen, Löcher, wie Augenhöhlen in einem Totenschädel, der schon lange in der Erde begraben lag.

or einem kleineren Gebäude war eine Bühne aufgebaut, auf der ein paar Stühle und Mikrofonständer standen. Alles war sehr schmucklos und kahl, grau in grau, aber was wollte man schon von der Hölle erwarten. Die Einführungsveranstaltung im Himmel hatte damals anders ausgesehen. Da hatte man auch nicht stundenlang vor den Toren warten müssen, sondern wurde sofort nach dem obligatorischen ersten Klopfen hineingelassen und auf einer Wolke, von ein paar hübschen Engeln begleitet, zum Verwaltungsgebäude des Himmels geführt worden. Dort war auch eine Bühne aufgebaut, diese sah aber eher aus wie der Altarbereich des Vatikans zu Ostern, nur noch etwas bunter und fröhlicher. Und die Hauptagierenden waren auch agiler als die auf der Erde, aber naja .... Dort war die Einführungsveranstaltung eine Mischung aus Liedern und fröhlichem Beisammensein, und man bekam einen ersten Vorgeschmack auf das, was man dann eine Ewigkeit lang genießen durfte. Vor allem die Hochzeitsmahle des Unternehmens, für das ich jetzt einspringe.... Bei den Erinnerungen möchte man am liebsten sofort zurück, aber nun bin ich hier. Ist ja auch glücklicherweise nur für eine begrenzte Zeit, und nicht für immer, wie bei den anderen armen Seelen hier.
    Die Einführungsveranstaltung begann, als die Vorstandsmitglieder die Bühne betraten. Alle waren sehr gut gekleidet, verboten gut. Anzüge, Krawatten, glänzende Schuhe, Gegensätze an diesem Ort, wie sie kaum hätten größer sein können. Sie bewegten sich elegant, als ob sie früher Tänzer gewesen wären, sie schwebten quasi über den Boden. Ihre Gesichter wirkten entspannt und frisch, makellose Haut und keine Falten, wohlgeformt, wie der ganze Rest ihrer Körper. Selbst von weitem konnte man sie genau sehen, das feine Muster ihrer Jackets und die Farben ihrer straffgebundenen und feinen Krawatten. Alle waren farblich auf den Anzug abgestimmt, also grau oder anthrazit, nur eine bunte Krawatte war dabei, das musste der oberste Marketing-Gott sein.
    Bis auf einen setzten sich alle, und die Ansprache begann. Ich hörte kaum zu, weil mich immer noch zu sehr meine Situation beschäftigte, außerdem war ich dieses ganze Experiment jetzt schon leid. Hölle austesten, sich einsperren lassen, wie konnte ich nur bei diesem Test mitmachen? Und jetzt noch in dieser Tristesse eine Rede anhören von den Leuten, die wir eigentlich nie mehr sehen wollten?
    Die Rede war erstaunlich kurz. Sie beinhaltete eine kurze förmliche Begrüßung und sodann Erklärungen, wie die Art der Bestrafung mittlerweile aussehe. Es wurde den baldigen Insassen empfohlen, sich nicht bei der Arbeit auszuruhen, die Wärter würden dies bemerken und bestrafen. Das war es. Und zum Schluss noch ein letzter Satz: "Fügen sie sich in ihr Schicksal, über kurz oder lang müssen sie es."

er letzte Satz hatte mich aus meinen Gedanken aufwachen lassen. Die Menge raunte ein wenig, manche schauten betroffen in die Ferne, andere stierten ins Leere, wieder andere wollten weinen, bekamen aber keine Träne heraus, das funktionierte hier wohl nicht. Die Vorstandsmitglieder verschwanden schnell von der Bühne und irgendwohin, wo ich sie nicht sehen konnte. Sofort kamen Durchsagen, die wie aus dem Nichts über das Gelände hallten, dass man warten solle, bis die Wärter die Menge in Gruppen einteilen und in die zu säubernden Räume bringen würden. Dies geschah sehr schnell und sehr routiniert. Kaum ein paar Augenblicke später fand ich mich mit ein paar anderen an einer Stelle des Platzes versammelt, von dem uns ein uns zugeteilter Wärter auf das größte Gebäude auf dem Platz brachte. Wir gingen lange darauf zu, und als wir uns näherten und das Gebäude aber noch immer nicht den Anschein machte, näher gekommen zu sein, erkannte ich erst die wahre Dimension dieses Bauwerks. Man hatte ja schon öfter davon gehört, aber dies übertraf alle meine Vorstellungen. Nach ungefähr zwei Stunden hatten wir endlich das Gebäude erreicht. Wir standen an einer alten Eisentür. In der letzten halben Stunde des Marsches war es mir so vorgekommen, als wäre die Luft wärmer geworden, auf den letzten Metern war sie schließlich heiß und stickig. In der Gruppe hatte niemand auch nur ein Wort gesagt. Alle waren still gegangen, hatten sich höchstens einmal umgedreht; vielleicht kannten sie Leute aus anderen Gruppen, die sie noch einmal sehen wollten. Das würden sie jetzt wohl nie mehr. In ihren Augen konnte ich Entsetzen sehen, teilweise vermischt mit Panik und Angst. Das machte mich betroffen, denn ich selbst hätte, wäre ich ein wirklicher Insasse, spätestens jetzt nicht mehr gekonnt. Körperlich und seelisch, vor allem seelisch. Ich wäre wohl zusammengesackt und hätte mich an einen anderen Platz gewünscht. Überall hin, nur nicht hier sein. Der Wärter öffnete die Eisentür spielend, man sah seine Muskeln unter der Haut arbeiten, er öffnete die Tür und ging hindurch, es war klar, dass wir folgen sollten. Als ich durch die Tür ging und sie dabei aufhielt, merkte ich, dass sie so schwer war, dass ich sie keinen Zentimeter weiter aufdrücken könnte, und so beeilte ich mich hineinzukommen. Innen angelangt, standen wir in einem riesigen Treppenhaus mit Treppen aus Metallgittern. Auf jeder Ebene, die jeweils durch zwei Treppen getrennt waren, befand sich zu jeder Seite eine Tür, wiederum aus Eisen, wiederum wahrscheinlich so schwer, dass ich sie nicht alleine aufbekommen würde, selbst, wenn sie unverschlossen wäre. Der Wärter ließ uns Zeit, uns umzusehen und machte einen stoischen Eindruck. Von überall her waren Geräusche zu hören, die ich, hätte ich nicht exakte Informationen bezüglich der Bestrafung erhalten, nicht hätte einordnen können. Doch so wusste ich, das es das Abklopfen des Rostes war, dass es das Stöhnen bei jedem weiteren Versuch war, der Haut zum Zerreißen und Knochen zum Bersten brachte. Mir lief es kalt den Rücken hinunter, dieses Gefühl hatte ich das letzte mal, als ich meine erste Freundin im Himmel wiedertraf. Der Wärter deutete, ihm zu folgen, und wir stiegen die Treppen hinauf. Er ging schnell, und wir wussten, dass wir schnell folgen mussten, wollten wir nicht jetzt in diesem Moment schon die Bestrafung antreten. Höher, immer höher. Durch die Metallgitter konnten wir ganz nach unten sehen zu der Tür, durch die wir das Gebäude betreten hatten. Mir wurden die Beine schwer, und ich atmete stoßweise. Nicht anders erging es den anderen in der Gruppe. Manche von ihnen waren schon bleich im Gesicht und Schweiß lief ihnen über das Gesicht. Es schien eine Ewigkeit zu dauern. Wahrscheinlich hatte die Bestrafung wirklich schon angefangen.
    Bis der Wärter stehen blieb. Vor einer Tür, die aussah wie alle anderen zuvor. Er öffnete sie mit gekannter Leichtigkeit und ließ uns in den Raum, der vielleicht 200 qm groß war. In ihm verliefen viele Rohre, und eine alte Maschine, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr funktionieren konnte, befand sich in einer Ecke. Rost hatte alles zerfressen. Wenn das hier nicht schon bilanztechnisch abgeschrieben ist, dann wird's höchste Zeit, dachte ich mir mit einem Lächeln. Dies verging mir allerdings schnell, als der Wärter mit klarer und tiefer Stimme sagte, dass wir nun mit dem Saubermachen anfangen sollten. Ich erschrak. Diesen Raum und sauber machen? Ich dreht mich um und sah den Wärter an, der einen Schlüsselbund in der Hand hielt und einen blanken Schlüssel heraussuchte. Er ging zur Tür und steckte den Schlüssel in das Schloss. Es war ein neues Schloss, wahrscheinlich ein Sicherheitsschloss. Der Wärter sagte zu mir: "Auch wenn ihr die Tür sowieso nicht aufbekommen würdet, sicher ist sicher. Die Menschen sind schließlich über die letzten Jahre immer größer und kräftiger geworden, und unter manchen Umständen entwickeln sie sehr große Kräfte." Ich erkannte ein überlegenes Grinsen in seinem Gesicht. Mir wurde schwindelig und ich lehnte mich gegen etwas, das sofort unter meinem Gewicht nachgab. Der Wärter grinste noch breiter und sagte, bevor er die Tür schloß: "Und morgen will ich den Raum schön sauber sehen!" Dann war die Tür zu. Der Hall, den die Tür verursacht hatte, wurde leiser und war schließlich nicht mehr zu hören.
    Dafür machte sich kollektives Stöhnen bei den weiteren Insassen breit. Sie waren dabei, sich in ihr Schicksal zu fügen. Sie rieben sich die Füße und bejammerten ihr Schicksal, dann fingen sie an, sich eine vom Rost befallene Stelle zu suchen und versuchten, diese mit bloßen Händen blankzureiben. Die Wärter machten Gebrauch von ihrer psychischen Macht, die allerdings bei mir ohne Wirkung blieb. Ich setzte mich in eine Ecke und schaute mir die Insassen betrübt an. Es waren vielleicht dreißig, Männer und Frauen. Sie fingen mit der Arbeit an, und scheuerten sich die Hände auf. Wie es wohl immer geschieht. Ich beobachtete einzelne, die aus der Masse herausragten. Manchen konnte ich quasi ansehen, dass sie Probleme bereiten würden, ob sie sich nun gegen die Wärter auflehnten oder andere quälen würden, sie würden irgendetwas machen. Andere hingegen waren die geborenen Opfer, sie fügten sich in ihr Schicksal, schauten nur zu Boden und gingen ihrer Arbeit nach, als würden sie nur darauf warten, dass etwas Schlimmes mit ihnen passiert. Ich blieb weiter auf dem Boden sitzen, bis mich ein paar der "Probleminsassen" bemerkten. Sie riefen mir zu, dass ich auch arbeiten solle, aber ich sagte, dass ich nicht wolle. "Du musst aber!" riefen sie mir zu, und drohten mir. Ich blieb ruhig sitzen. Sie ließen von mir ab. Auf einmal hörte ich, wie sich der Schlüssel im Türschloss drehte und der Wärter wieder hereinkam. "Hier kommt noch einer." sagte er und stieß einen jungen Mann hinein. Ich erkannte ihn sofort. Es war mein Boss, der oberste Boss im Himmel. Natürlich kannte er mich auch, er kennt schließlich jeden mit Haut und Haaren. Die Tür war sofort wieder zu, der Wärter hatte es wohl eilig.
    Mein Boss kam zu mir und setzte sich neben mich. "Was machst du hier?" fragte ich ihn, und er entgegnete: "Du weißt doch, dass ich immer bei dir bin, und gerade jetzt bist du in einer Situation, in der ich dich tragen will." Ich wusste, was er meinte. Diese Erzählung hatte ich schon auf der Erde unzählige male gehört, und obwohl sie schon gesellschaftlich ausgeschlachtet war, traf sie doch den Kern meines Glaubens. "Das heißt, dass es hier Probleme mit mir gibt? Bin ich in Gefahr?" fragte ich, und etwas in mir zog sich zusammen. Mein Boss sah gelassen und gutmütig mir ins Gesicht. Die weichen Züge seines Gesichtes wurden nur von den Lichtstrahlen von ein paar alten und nackten Glühbirnen getroffen. "Ja, das liegt aber nicht an dir, sondern an mir." antwortete er. Ich verstand nicht, und er fuhr fort. "Ich habe immer von euch gefordert, für mich einzustehen und euch vom Bösen abzuwenden, und du hast das immer beherzigt. Darüber bin ich auch sehr froh." Seine Worte beruhigten mich, wie sie mich immer beruhigt haben, wenn ich sie hörte oder hören wollte. Er erzählte weiter: "Nur in letzter Zeit habe ich Fehler gemacht. Ich habe zugelassen, dass die Menschen sich zu weit von mir entfernt haben. Und das bereitet mit Kummer. Und nachdem ich zugelassen habe, dass einer meiner Leute sogar unsere Gegenspieler unterstützt, konnte ich nicht anders, es musste etwas geschehen." Sein Gesicht war immer noch gütig, nur mittlerweile glaubte ich, ein paar Sorgenfalten zu erkennen, die vorher nicht da waren. Ich fühlte mich unwohl. Mein Chef und Fehler? Das konnte nicht sein, und so sollte es nicht sein. Was sich vorhin in meinem Körper zusammengezogen hatte, fing an weh zu tun, und ich schaute meinen Chef fragend an. "Ich weiß, dass du dich sorgst." sagte er. "Doch ich lasse dich nicht alleine, gerade jetzt nicht. Ich werde keinen hier alleine lassen. Ich werde alle befreien und mit in den Himmel nehmen. Sie haben es nicht verdient, hier zu leiden, ohne eine weitere Chance gehabt zu haben." "Du willst alle mitnehmen?" fragte ich ungläubig. Ich konnte mir diesen Plan nicht vorstellen, nachdem ich jahrelang die Hölle als notwendiges Gegengewicht zum Himmel kennen gelernt hatte. "Ja." wurde mir geantwortet. "Alle. Sie haben es verdient, noch eine Chance zu erhalten. Du hattest auch mehr als eine Chance, und die erste, die ich dir gegeben habe, hast du damals hochnäsig ausgeschlagen." Mir wurde warm, und das Blut schoss mir in den Kopf. Er hatte recht, er hatte wie immer recht.
    Gerade als ich fragen wollte, wie er die Befreiung aller durchführen wollte, hörte ich wieder, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Diesmal war es nicht der Wärter; es waren die Vorstandsmitglieder, die vor ein paar Stunden erst auf der kleinen Bühne gesessen hatten. Ich erkannte die bunte Krawatte wieder. Als letzter kam der wahrscheinlich Oberste, derjenige, der die Ansprache gehalten hatte. Sie stellten sich in einem Halbkreis auf, der Oberste in der Mitte. "So sieht man sich wieder" zischte er, und aus seinem Gesicht war die Entspannung gewichen, die es bei der Ansprache noch hatte. Mein Boss und ich standen auf. Er schaute mich lächelnd an und deutete mir, zu den anderen Insassen zu gehen. Ich wollte zuerst widersprechen, ging dann aber schnell. Die anderen Insassen hatten in der Zwischenzeit aufgehört zu arbeiten. Sie standen regungslos und beobachteten meinen Chef und die Höllenobersten.
    Sie standen sich stumm gegenüber, so dass man hätte vermuten können, dass sie warteten. Ich wusste aber, dass sie miteinander kommunizierten. Über Gedanken. Man versuchte, meinen Chef in die Knie zu zwingen, in hinauszuschicken, ihn zu schlagen auf der ganzen Linie. Doch er behielt die Überhand. Noch? Sie standen lange so. Wie lange kann ich nicht sagen, es kam mir unendlich lange vor. Mittlerweile tobte ein Gedankenkrieg zwischen den beiden Parteien. Der Gedanke an eine feindliche Übernahme kam mir in den Sinn, nur dass die hier und heute zum Wohle aller stattfinden würde. Es wurde warm im Raum. Und hell. Die Luft um die Gruppe der Höllenobersten fing an zu flimmern und zu leuchten. Die Augen meines Chefs fingen an zu funkeln, und seine Kleidung veränderte sich. Als er in den Raum gekommen war, hatte er noch ähnlich abgewetzte Kleidung wie ich getragen. Nun trug er ein Gewand von strahlendem Weiß. Auch die Höllenobersten trugen keine Anzüge mehr, sondern schwarze Gewänder, die mit Flecken und Löchern übersät waren und an denen die Nähte teilweise schon zerrissen waren. Es wurde laut im Raum. Ein unheimliches Summen stieg auf und erfüllte jeden Winkel des Raumes. Es schwoll an und wurde lauter und lauter. Gleichzeitig kamen die Höllenobersten immer weiter auf meinen Chef zu und umringten ihn. Das Summen wurde zum Schreien und die Luft um die Gruppe herum war gleißend hell, so dass ich nichts mehr erkennen konnte. Ich bekam Angst. Ich wusste, mein Chef brauchte mich, also lief ich ins Licht.....

ls ich wieder aufwachte, lag ich auf dem Boden des Platzes, wo die Einführungsveranstaltung stattgefunden hatte. Mein ganzer Körper tat weh, und ich konnte mich kaum regen. Ich fühlte um mich und ertastete etwas Unkraut auf dem Boden. Mein Kopf lag auf einem zusammengeknüllten Hemd.
    Neben mir sass mein Chef. Er sah entspannt und gelöst aus. Und er trug wieder die Kleidung, die er getragen hatte, als er den Raum betreten hatte. Nur sein Hemd nicht, das hatte er mir unter den Kopf gelegt, damit ich ruhiger schlafen konnte. Er lächelte mich an. "Was ist passiert?" fragte ich mit undeutlicher Stimme. "Schau dich mal um." sagte er mir, und er richtete mich auf. Ich schaute um mich herum und sah einen leeren Platz, die alten Gebäude waren verschwunden. In meinem Kopf arbeitete es. In der Ferne sah ich, dass einzelne Gruppen von Leuten zusammenstanden und sich unterhielten. Sie wirkten alle gut gelaunt und erlöst. Das konnte ich selbst von dieser Entfernung aus beobachten.
    "Was hast du gemacht, Chef?" fragte ich und schaute immer noch benommen. Mein Chef schaute mich an und lächelte. "Feindliche Übernahme?" sagte er und lachte.
    Er half mir auf und wir gingen zu einer Gruppe von Leuten und redeten ein bisschen mit ihnen. Auf dem Weg dorthin sah ich, dass einzelne Blumen den Beton des Bodens an manchen Stellen gesprengt hatten.

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