s war bereits finster und ich stand im Eingang des riesigen Bürohauses, wo ich arbeitete. Die Nacht war kalt und ich zog meinen Wollschal, den ich kürzlich zu Weihnachten bekam, strammer. Seine wohlige Wärme lieferte mir schon einen Vorgeschmack auf mein kuscheliges Bett. Ich musste mich beeilen, wenn ich meine Bahn noch bekommen wollte. So eilte ich los. Die Straßen waren leer. Nur einige verirrte Pärchen kamen mir hier und da entgegen. Die Station war einige Minuten entfernt und als ich eintraf, bot sich mir dort dasselbe Bild wie zuvor. Um das Gleis zu erreichen, musste ich nur noch eine kleine Brückenröhre durchqueren. Meine Schritte hämmerten auf den harten Betonboden ein und klangen noch einige Sekunden nach. Der Klang flößte mir Angst ein und ich versuchte vorsichtiger aufzutreten, aber gebracht hatte es wenig. In meiner Nase sammelte sich der Geruch von Urin und ich versuchte so wenig wie nötig war zu atmen.
Das Gleis war nur wenig beleuchtet und ich hatte Mühe, die Konturen der wenigen anderen Menschen genau wahrzunehmen. Ein kräftiger junger Mann saß auf der Lehne einer Bank, deren weiße Farbe schon abblätterte, die Füße auf der Sitzfläche und eine Zigarette in der Hand, dessen Asche er auf dem Boden verteilte. Es wäre nutzlos gewesen, sich über sein Betragen zu ärgern, da er sich nicht weiter an mir gestört hätte. Eine Frau mittleren Alters studierte grade den Fahrplan, schaute auf ihre Uhr und an den runtergezogenen Mundwinkeln konnte man leicht erkennen, dass sie mit diesem nicht zu frieden war. Ich stellte mich in einiger Entfernung hin, wo ich weit genug weg von ihnen war und nicht Gefahr lief, von jemanden angesprochen werden.
Man hörte schon in der Ferne das Grollen des Zuges, dass immer lauter wurde und schließlich traf er auch ein. Ich stieg schnell ein und suchte mir einen Platz in der hinteren Reihe des letzten Wagens. Die beiden anderen stiegen auch zu mir in den Wagen, doch plazierten sich mehrere Reihen vor mir. Ich schaute aus dem Fenster an dem das Mauerwerk der Tunnelröhre, kilometerlange Kabel und Plastikrohre vorbeizogen. Ab und an auch mal eine Signallampe oder ein Bahnhof. Ein Dutzend Leute stieg noch hinzu, welche aber meine Aufmerksamkeit nicht auf sich zogen.
och dann stiegen zwei lauthals singende Jugendliche ein. Ich vernahm sofort den Geruch von Bier. Ihre Glatzen und Stiefel, die mit Paketband zugebunden waren, verrieten mir sofort, mit wem ich es zu tun hatte. Ihre stark gefütterten Jacken, auf denen für mich unerkenntliche Fratzen - sie gehörten bestimmt einer Gang an - abgebildet waren, verliehen ihren Körpern größere Ausmaße, als sie wirklich besaßen. Der eine der beiden war schmächtig und klein. Seine Oberarme hätte ich mit meiner einfach Hand umfassen können. Er trug, so wie sein Kumpane, eine zu kurze Tarnhose. Sein Kompanien war etwa einen Kopf größer, aber trotzdem flößten beide mir und, wie es aussah, auch allen übrigen Fahrgästen durch ihre Art, Angst ein. Sie setzten das Singen ihrer Parolen fort bis sie einen jungen Mann entdeckten, den ich noch nicht zur Kenntnis genommen hatte. Er war groß und sehr gepflegt. Eine kleine rahmenlose Brille zierte seine Nase. Sein Haar war schwarz und füllig. Er hatte eine Tasche aus der ich schloß, dass er ein Student sein könnte, da ich selbst so eine in meiner Studentenzeit besaß. Doch nun näherten sich die beiden Fratzen-Männer dem Studenten und raunten ihn an.
"Hey, Kanacke. Beweg deinen Arsch von der Bank!"
"Willst´e alles beschmutzen?"
Der junge Mann wußte nicht genau, was er sagen sollte und guckte sich hilflos um. Ich zog schnell den Kopf weg und Schaute wieder aus dem Fenster.
"Hast´e uns nicht verstanden?"
"Du machen verschwinde fix!"
Schweißperlen sammelten sich auf seiner Stirn. Ich hoffte für ihn, dass er es verstand und endlich aufstand. Doch es war zu spät. Der größere der Fratzen-Männer legte seine Hand um dessen Kehle, schleuderte ihn an das Fenster, der Student stöhnte gräßlich, und wurde an dieser hochgedrückt. Der Aufprall war so heftig, dass seine Kopfhaut aufplatzte und Blut an der Scheibe hinunter lief und sich auf dem Boden als Lache sammelte. Nun aber antwortete der junge Mann.
"Ich habe ihnen nichts getan. Laßt mich bitte los!"
"Oh, er kann sogar unsere Sprache."
"Aber guck doch mal was du mit deinem dreckigen Mafia-Blut gemacht hast!"
"Mach es weg!"
Darauf hin warf ihn die große Fratze in die Blutpfütze. Sein bescher Anzug tränkte sich schnell mit Blut.
"Helft mir doch! Bitte!"
Bittend schaute er uns an, doch ich wich wieder aus.
"Halt die Fresse," und prompt hatte er den ersten Tritt mit den Stahlkappenschuhen im Magen sitzen, dass er Blut spuckte. Ich wußte nicht was ich tun sollte. Ein Tritt in die Rippen. Ich konnte doch nicht aufstehen. Noch ein Tritt. Die hätten mich doch auch zusammengeschlagen. Mehr Blut strömte aus der Kopfwunde. Soll ich auch so enden wie er. Ich kenne den Mann doch gar nicht. Mit einem Klirren zerbrach die Brille. Ich habe ihn noch nie gesehen. Warum musste er denn auch mit der Bahn fahren. Hautstellen färbten sich schon blau. Sollen die anderen doch was tun. Er röchelte nur noch. Nein, ich kann nicht aufstehen. Ein letzter Tritt und der junge Mann blieb regungslos liegen.
Die U-Bahn hielt und die Fratzen stürmten lachen hinaus. Der Mann lag da, blutete, die Augen weit aufgerissen und immer noch mit dem vorwufsvollem Blick der uns verurteilte.
Wir blieben jedoch starr mit gesenkten Häuptern und schwiegen.
Der Wagen fuhr weiter und ich sagte mir: "Wir waren doch hilflos!?"