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von Tobias Ralph Hartwich
(Ende 1996)

ch trete in den Flur hinaus und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Kalt ist es, aber wo ist es um diese Jahreszeit nicht kalt? Das Klacken der Wohnungstür, das jetzt aber langsam verhallt, habe ich immer noch im Ohr. Ich drücke auf den Lichtschalter, der von innen beleuchtet ist, und das gesamte Treppenhaus wird in warmes Licht getaucht. Ich setze meinen ersten Schritt und überlege, ob ich etwas vergessen habe: Uhr, Fahrkarte, Geld, Schlüssel ... Zu dem Ergebnis gekommen, daß nichts fehlt, gehe ich die erste der sieben Treppen hinunter. Eine Etage tiefer wohnt ein Nachbar, aus dessen Wohnung sonst immer Techno zu hören ist, aber jetzt bemerke ich nur die Ruhe, ja, ich bin richtig überrascht, daß ich von draußen leise die Autos hören kann. Zum ersten mal fällt mir auf, daß ich auch die Ruhe hören kann, obwohl ja schon allein diese Formulierung blöd ist. Im Erdgeschoß sind die Werbezettel, die für gewöhnlich immer auf der untersten Treppenstufe liegen, über den gesamten Boden verteilt. Werbung für einen Supermarkt, einen Baumarkt und eine Döner - Bude. Als ich von diesem Chaos aufsehe, bemerke ich, daß an den Wänden dunkle Stellen sind, als ob jemand eine Kerze daran gehalten hätte; dabei ist das gesamte Treppenhaus erst vor einem halben Jahr renoviert worden. Als ich die Tür mit einem Quietschen, das ich durch meinen mittlerweile aufgesetzten Walkman hören kann, öffne, atme ich sogleich die kühle Luft ein, die mir die letzte Müdigkeit dieses Morgens austreibt. Ich beginne meinen Weg, der mich nach ungefähr 50 Metern an einem Sandkasten vorbeiführt, in dem schon seit vier Wochen die Wrackteile eines alten Rollers liegen. Ich gehe über eine Wiese, auf der mir ein alter Regenschirm begegnet, bei dem schon der Stoffbezug fehlt. Ein Stück weiter liegt ein altes Fahrrad, das früher wahrscheinlich einmal rot war. Nach wiederum 50 weiteren Metern komme ich an den Müllcontainern vorbei. Da der Müll aber nicht in den Containern ist, sondern im Umkreis von ca. fünf Metern verstreut liegt, frage ich mich, ob nun der Deckel der Mülltonne zu schwer war oder ob manche glauben, daß sie es nicht nötig hätten, ihren Müll selber wegzuwerfen. Ich überquere eine Straße, auf der ich gerade einen mit neonfarbenen Klecksen beklebten Manta gesehen habe. Aus dem Innenraum habe ich die "Toten Hosen" herausgehört, obwohl ich meinen Walkman aufgesetzte hatte. Ungefähr 200 Meter muß ich jetzt noch bis zur Bushaltestelle laufen, aber jetzt schon erkenne ich, daß die vier Scheiben der Haltestelle alle bis auf eine eingeschlagen sind. Auch die Reklame, die vorher hing, ist weg. War es nicht eine Werbung für H&M? Als ich an der Haltestelle ankommen, sehe ich, daß auch die anderen Leute sich die Überreste der Scheiben ansehen. Auf ihren Gesichtern erkenne ich Resignation, Desinteresse... Der Bus kommt, und ich setzte mich neben einen ca. 35jährigen Mann, weil keine andere Sitzbank ganz frei war. Im Bus sind viele Sitze beschmiert mit diesen neuen Hip-Hop-Zeichen, die ich noch nie verstanden habe und auch noch nie lesen konnte. Einer der vorherigen Bankbenutzer muß ein RWE - Fan gewesen sein, denn neben dem Spruch "Haut die Glazzen bis se plazzen" sind einige RWE - Zeichen auf dem Holz der Vorderbank zu lesen.
    Der Bus wird voller, und ein paar Kinder machen sich einen Spaß daraus, sich gegenseitig durch den Bus zu schubsen, wobei ich immer unbeabsichtigt einen Arm auf die Schulter geschlagen bekomme. Zuerst hat sich der Junge noch entschuldigt, aber dann war ich keines Blickes mehr wert. Als ich ihn dann einmal mit einem strengen Gesichtsausdruck ansehe, sagt der nur: "Locker bleiben, Brillenschlange!" Ich steige an meiner Haltestelle aus und erfreue mich wieder an der frischen Luft, fühle mich nach diesen ersten 90 Minuten des Tages aber schon ziemlich genervt. Wird es in den nächsten Monaten und Jahren, die ich noch zur Schule gehen muß, überhaupt irgendwelche Veränderungen in dieser Hinsicht geben? Vielleicht. Ich könnte den Bus wechseln.

     © aller Storys beim jeweiligen Autor / Herausgeber: Herz Mariä-Jugend / Programmierung: Markus Rohde