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von Tobias Ralph Hartwich
(Herbst 1999)

er Mensch ist perfekt, oder sollen wir lieber sagen: die Menschheit? Gut: die Menschheit ist perfekt, wobei die Verwunderung auf Seiten des geneigten Lesers damit auch noch bestehen bleibt. Schauen wir uns nur einmal um in der modernen Welt: da sehe ich Opernhäuser, wunderschön, in denen Kunst, geschrieben von den begabtesten Vertretern der Spezies homo sapiens, aufgeführt wird. Ich sehe die Silhouetten von Großstätten, riesig, noch vor kurzer Zeit unmöglich; viel unmöglicher jedoch, was durch die Arbeit in dieser Großstadt erreicht wird. Ich sehe moderne Medizin, erfahre sie sogar am eigenen Leib (im wahrsten Sinne des Wortes), und erfreue mich ihrer Auswirkungen auf die Menschheit. Ich sehe Parlamente, ultramodern in der Architektur, Schauplätze der Demokratie, des Systems, das für uns wohl das geeignetste ist. Und ich sehe Tribünen, wo früher Stehplätze waren. Kleiner Scherz am Rande.
    Der Mensch ist nicht perfekt, zum Scheitern verurteilt, wenn ich nicht religiös wäre, würde ich sagen: eine Abart der Natur. Oder sollen wir lieber sagen: die Menschheit? Die träge Masse in den Reihen und Rängen, die früher von der Bühne beschimpft wurde, weil sie unfähig war, politisch zu handeln. Bei so viel Stumpfsinn und Ignoranz halfen auch keine menschlichen Ausnahmen mehr. Eingepfercht, und das freiwillig, in Hochhäusern, Akkordarbeit in grau, zusammengesetzt aus schwarzer Hose und weißem Hemd. Routine und Trott, genauso erfüllend wie das Werk des Sisyphus. Heiler, als Halbgötter verschrien, spielen sich auf, als wären sie mit heilenden Händen gesegnet, dabei endet ihre Macht doch kurz vor ihrer Haustür. Da ist nur objektiv festzustellen, dass die eigene Schwachheit nicht zu kurieren ist.

ie Natur ist perfekt, und jeder Mensch sollte das schon an sich festgestellt haben. Über Millionen von Jahren hinweg entwickelt durch Instinkt und nicht Intelligenz, aus dem Wasser an Land, hin zum Stehen und aufrechten Gehen, Entwicklung durch mehr Platz im Kopf, mehr Platz für ein größeres Gehirn. Tiere leben in Symbiose, Vögel als lebende Zahnstocher der Alligatoren, Vögel als Aasfresser, ein harmonischer und perfekt eingespieltes Zusammenleben. Das Lebewesen mit dem am weitesten entwickelten Gehirn erkennt das auch zum Glück langsam. Es entwickelt sich schon zum Standard-Spruch: perfekt, das ist Natur.
    Die Natur ist nicht perfekt, und wir, die wir diese Zeilen lesen, sind der beste Beweis dafür. Macht es Sinn, etwas perfekt zu nennen, das auf dem bestem Wege ist, sich bald ins Jenseits zu befördern? Wohl kaum. Doch dabei ist es wohl nicht angebracht zu sagen, dass die Natur sich ins Jenseits befördert, sondern eine Teilheit sie sich ins Aus manövrieren lässt. Natürlich weiß jeder, was gemeint ist. Die Zerstörung der Umwelt durch den Menschen, die das geradezu filigrane wie komplexe Öko-System ins Schwanken bringt. Und doch frage ich mich da, ob wir uns noch als Teil der Natur fühlen. Oder fühlen dürfen. Ich glaube, wenn ich einer der letzten Vertreter einer Tiergattung wäre, deren Großteil brutal ermordet wurde, um Schmuck oder Handtaschen daraus zu machen, würde ich mich vehement dagegen wehren, mit den Menschen als Teil der Schöpfung zu gelten. Mit denen auf einer Stufe oder in einer Klasse? Nein, irgendwo habe ich auch noch ein Ehrgefühl, und das gebietet mir Distanz zu denen. So abwegig? Ich glaube nicht. Und die Allgemeinheit der Menschen gibt mir sogar recht und versucht mich zu beschützen, doch wenn die Allgemeinheit arbeitet, will sie mir ans Leben. Sie wechseln ihre Gesichter, sie denken nur noch an sich. Und deshalb sage ich, dass die Natur nicht perfekt ist, weil sie den Menschen hervorgebracht hat. In einer Gruppe von Zebras, die ein Wasser durchqueren will, in dem Krokodile lauern, opfern sich die schwachen, um dem Großteil das Leben zu sichern. Würden wehrlose Menschen das Wasser durchqueren müssen, würden sie es alleine versuchen; es sei denn, ein intelligenter und gutherziger Vertreter, die Ausnahme, befände sich unter ihnen. Er würde sich opfern. Aber intelligente und gutherzige Menschen gibt es wenige...

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