orax, guten Morrrgen, Freund, guten Morrrgen, Korax. Aufstehen, alter Faulpelz," ruft der bunte Papagei von seiner Stange aus. Die aufgehende Sonne hat seinen Käfig erhellt, ihn aus seinem Schlaf geweckt und natürlich nimmt er dann seine Aufgabe wahr, seinen Mitbewohner, einen Mann im mittleren Alter, zu wecken.
Jetzt füllt die Sonne schon die ganze Wohnung mit ihrem hellen Schein aus und die vorher noch im Dunkeln liegende Einrichtung erscheint nun in ihrer ganzen Farbenpracht. Überall findet man bunte Gegenstände und jede Farbe des Regenbogens ist hier vertreten. Das Zimmer strahlt Wärme und Harmonie aus und ein Mensch würde es gemütlich finden und sich hier wohl fühlen.
Doch nun wird die Bettdecke beiseite geworfen und der Mann erscheint. Er hat eine dünne Statur, aber ist so groß, wie es für einen Mann aus seiner Generation normal sein sollte. Ein blauer Schlafanzug bedeckt seinen Körper und das stoppelige Gesicht wird durch ein breites Lächeln ergänzt. Mit seinem braunen, bis jetzt noch strubbeligen Haaren schlurft er ins Badezimmer, um sich zu duschen und zu rasieren. Neben dem sprudelnden und plätschernden Duschwasser kann man seine tiefe Stimme hören, die ein Kinderlied singt. Dem Papagei scheint diese Melodie nicht unbekannt zu sein, denn er stimmt mit einem lauten Pfeifen mit ein.
"... und diese Biene, die ich meine, nennt sich Ma-ja ..."
Nach zwanzig Minuten schlendert dann der Mann wieder in sein Schlafzimmer, seinen Gang pfeifend begleitend, um sich umzuziehen. Aus dem Schrank fischt er eine dunkelblaue Hose, ein rotes Hemd und ein buntes Jackett. Dann holt er eine Stange mit verschiedenen Mustern bedruckte Fliegen und Krawatten hervor. Er schaut sie sich an, aber kann sich für keine so richtig entscheiden. Schließlich pickt er sich zwei Krawatten heraus und fragt: "Max, welche gefällt Dir besser. Die mit den Sonnenblumen oder die mir den Sternen?"
"Sterne, Sterne, Korax."
"Gut, nehme ich die mit den Sonnenblumen," kontert er und hängt die anderen wieder in den Schrank. Dann holt er eine Packung Vogelfutter aus dem Schrank und geht mit seinem weißen Lächeln auf den Käfig zu.
"So mein Lieber, Raubtierfütterung. Roaar," ruft er, einen Löwen imitierend. Jedoch zeigt der Papagei keine Angst auf seine Imitation.
"Korax. Blöder Witz, Franz, blöder Witz. Korax."
ann stellt er das Futter ab, nimmt seine Tasche und geht in Richtung Tür. Dort zieht er seine Schuhe an, die auf die Entfernung ausschauen, als seine sie vier Nummern zu groß. Aber der Schein kann auch trügen.
"Ciao, mein Bester, bis heute Abend," verabschiedet er sich noch von ihm, öffnet die Tür und geht ins Treppenhaus. Dort trifft er auch gleich seine Nachbarin, eine 55 Jahre alte Frau, gut genährt und kleiner als der Mann, in ihrem Putzdress und die mit Schrubber und Eimer bewaffnet ist.
"Guten Morgen Frau Becker. Wie geht es denn ihnen," fragt er strahlend.
"Ach schlecht, wie immer. Jeden Tag die gleiche Geschichte, sage ich ihnen. Ewig dieser Dreck und dieser Lärm, hier im Haus, von den kleinen Blagen. Die Kinder rasen hier morgens immer durchs Treppenhaus und lachen und schreien. Gräßlich sage ich ihnen. Ich glaube, ich muss mal mit deren Eltern reden. Aber kann ich ihnen sagen. Ich bin froh, nie Kinder gehabt zu haben.. Ich kann kindliche Fröhlichkeit am Morgen einfach nicht haben, dafür gibt es viel zu viel anderes zu tun. Wenn die Kinder nur wüßten, was später auf sie zukommt oder wie schwer ich es habe, dann würde ihnen das Lachen vergehen," ächzt sie und verzieht das Gesicht.
"Es sind doch Kinder, die müssen fröhlich sein. Vielleicht sollten sie mal etwas neues probieren. Gehen sie doch mal mit Spaß an die Arbeit, dann geht doch alles gleich besser. Sehen sie mich an. Lachen sie z.B. auch über Missgeschicke und die Welt sieht schon ganz anders aus," meint er und tanzt ein wenig auf der Stelle um seine Gefühlen Ausdruck zu verleihen.
Versuchen sie sich doch mal wie ein Kind zu fühlen. Singen sie zum Beispiel bei der Arbeit!"
"Jetzt führen sie sich doch nicht auch noch so auf. Sie haben doch keine Ahnung von richtiger Arbeit, wie hart das ist. Die ganze Zeit auf dem Amt sitzen, das ist doch keine Arbeit. Sie haben doch keine Augen für die Wirklichkeit. Guten Morgen," knurrt sie verärgert und schließt die Tür schnell hinter sich.
Der Clown schüttelt nur den Kopf, doch dieser Vorfall verdirbt ihm auch nicht seine guten Morgenlaune.
Frau Becker verträgt wohl keine Ratschläge, denkt er nur, hüpft die Treppen hinunter und auf die kleine Straße, in der er wohnt. Nun muss er erst mal zur Haltestelle und den Bus zur Arbeitet erwischen. Zwischendurch begegnet er einigen Leuten, welche er zwar grüßt, die aber ihn selber nur grimmig angucken, leise seinen Gruß erwidern und weiter hasten. Nach einigen Hundert Metern erreicht er seine Haltestelle, wo noch einige andere Mitmenschen warten. Die meisten von ihnen sind Männer, alt und jung, die typischen Büroweltler halt, mit Anzug und Aktenkoffer, die ständig auf die Uhr schauen, aus Angst, dass ihnen wertvolle Zeit verloren geht, wenn der Bus zwei Minuten zu spät kommt. Betrachtet man sie genau, so fällt einem sofort auf, dass sich ihre Anzüge nur durch kleine Details unterscheiden. Hier hat einer ein anderes Schnittmuster, dort mal einer einen andersfarbigen Koffer, dort hat einer mal eine karierte Krawatte und, insgesamt gesehen, geht deren Farbskala nicht über schwarz, braun und grau hinaus. Franz fällt sofort unter ihnen auf, aber die Männer beachten ihn trotzdem nicht weiter. Sie sind viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
un trifft der Bus ein und die Männer stürmen schnell hinein, aus Angst noch mehr Zeit zu verlieren, doch Franz lässt sich wie immer alle Zeit der Welt und geht gemütlich als letzter in den Bus. Drinnen stellt er sich neben einen Herren, der ungefähr so alt wie er selbst und auch mit einem Anzug bekleidet ist. Dann fährt der Bus los.
Im Bus findet man den gleichen Anblick wie draußen. Überall die gleichen, ausdruckslosen Gesichter. Um ein bisschen Abwechslung zu haben, versucht Franz ein Gespräch mit seinen Nebenmann anzufangen.
"Herrliches Wetter mal wieder und so schön warm."
Der Mann schaut ihn an und erwidert: "Na ja, ein bißchen zu warm. Bei diesem Wetter gerät man leicht ins schwitzen und das macht die Arbeit um so schwerer."
"Aber es steigert doch die Laune?"
"Nicht bei mir. Unnötige Schwierigkeiten steigern nicht gerade die Laune!"
"Also hätten sie lieber Regen."
"Nein, Nein. Bei Regen wird man immer so nass und nasse Sachen lenken einen leicht von seiner Beschäftigung ab!"
"Also lieber gar nichts von beiden," stellt er fest, hakt jedoch weiter nach; "Welches Wetter ist denn dann das ideale Arbeitswetter für sie?"
"Ja also...ähm...wenn zwar graue Wolken am Himmel sind, es nicht schwül ist, aber es auch nicht regnet."
"Ach ja. Bei so einem Wetter sind sie also glücklich!?"
"Was heißt glücklich. Bei so einem Wetter läßt sich am besten Arbeiten."
"Wie wär´s dann mit einem Witz. Ein Witz am Morgen, vertreibt Kummer und Sorgen. Vielleicht bringt diese ihnen Heiterkeit. Also ein Mann, eine Maus und...," doch da hält der Bus schon und der Mann stürmt mit anderen Fahrgästen nach draußen.
"...oder auch nicht."
Jetzt weiß er genau so viel wie vorher über den Mann. Der Mann weiß einfach nicht, was es heißt, richtig fröhlich zu sein. Irgendwie schon betrübend, aber es gibt ja noch Leute die nicht im Büro arbeiten. Die sind bestimmt fröhlicher oder vertragen Spaß."
chließlich kommt er auf dem Arbeitsamt, seinem Arbeitsplatz, an und streift pfeifend durch die Gänge zu seinem Büro. Auf den Gängen drängen sich wie jeden Morgen, hockend, lehnend oder stehend, die Menschen. Ihre Gesichter sind meistens von Selbstmitleid, Kummer, über ihre Nutzlosigkeit, oder Sorgen, über ihre zukünftige Existenz, gezeichnet. Manche verziehen aber keine Miene. Ihre Gesichter vermitteln eiskalte Kühle beruhend auf Desinteresse.
Im Büro angekommen, zieht er erst einmal seine Anzugsjacke aus und präpariert schon mal das Zimmer für seine ersten Fälle.
Dann ruft er mittels eines Mikrofons die erste Nummer auf. Kurz darauf tritt auch ein etwa 35 Jähriger hinein, der etwas größer als Franz und kräftig gebaut ist. Er ist mit einer alten Jeans, Turnschuhen und einem weißen T-Shirt bekleidet. Franz steht kurz auf, reicht ihm fröhlich lächelnd die Hand und bittet ihn, Platz zu nehmen. Dieser kommt natürlich seiner Aufforderung nach und setzt sich.
Fzzzz, macht es nur, als Franz sich setzt.
"Also nein, dass ist mir vielleicht peinlich," meint Franz darauf, "die gute Luft!"
Doch der Mann schaut ihn grimmig an und erwidert: "Ich lach mich tot. Was soll denn der Mist."
"Ein Furzkissen. Es war doch nur ein kleiner Scherz, um die Stimmung ein wenig zu heben."
"Das ist ihnen grandios gelungen, aber dafür bin ich nicht hierher gekommen. Wenn ich Spaß will, geh ich in die Kneipe," gibt er ein wenig gereizt als Antwort.
"So was kann ich denn für sie tun," fragt Franz nun, um von der Sache abzulenken.
"Also ich habe bei Baumann, einem Bauunternehmen, gearbeitet und mir wurde vor einem halben Jahr, also zum Winter hin, gekündigt und seitdem habe ich keine richtige Arbeit mehr gefunden," erzählt er noch etwas grimmig schauend.
"Ach ja. Dann werde ich einmal schauen. Wollen sie einen Kaffee?"
"Gerne!"
Daraufhin holt Franz eine Tasse, die ein Gesicht aufgemalt und statt Henkel riesige Ohren hat, aus dem Schrank, schüttet etwas Kaffee ein und überreicht sie ihm.
"Komische Tasse," ist das einzige was dem Mann dazu einfällt, als er sie skeptisch betrachtet.
Franz setzt sich wieder hinter seinen Schreibtisch, in der einen Hand einige Unterlagen und in der anderen ebenfalls eine Tasse. Dann greift er nach einem Paket Würfelzucker und nimmt eine Handvoll heraus. Diese Würfel legt er dann auf seinen Schreibtisch und packt sie dann einzeln in seine eigene Tasse. Sein Gegenüber guckt ihn bloß blöd an und rutscht schon unruhig auf seinem Platz herum.
"Wollen sie auch Zucker Herr Baumann?"
"Nein danke. Ich heiße übrigens Fischer," antwortet er leicht säuerlich.
"Dann halt nicht," erwidert Franz und rührt einen Kaffee um.
"Könnten wir jetzt bitte weiter machen? Ich habe heute noch etwas zu tun," fordert Herr Fischer ihn auf.
"Ja doch gerne. Also sie suchen eine Stelle als Fischer."
"Nein, Maurer nicht Fischer. Ich heiße Fischer, Max Fischer!"
"Na gut. Also Herr Baumann, sie wollen eine Stelle am Maurer?"
"Fischer..."
"Also doch Fischer."
"Nein, verdammt noch mal, ich heiße Max Fischer und suche eine Stelle als Maurer," schreit er fast während der Kopf ihm schon rot anläuft.
"Immer mit der Ruhe," versucht Franz ihn zu beruhigen, "Also gut. Hier habe ich eine Stelle als Maurer und zwar erst einmal mit einer 20 Stunden Woche."
"Besser als gar nichts. Wieviel würde ich verdienen?"
"Hier steht, dass sie so um die 1900 Mark verdienen würden."
"1900 Mark nur? Da kann ich doch lieber zu Hause bleiben! Haben sie nichts besseres?"
"Seien sie doch froh über so ein gutes Angebot, aber ich hätte noch etwas auf einem anderen Gebiet."
"Lassen sie Hören!"
"Der Zirkus sucht noch einen weiteren dummen Augustin. Das wäre doch was für sie, oder?"
"Einen Clown?! Soll das ein Scherz sein," brüllt der Mann Franz entgegen. Jetzt ist ihm endgültig der Kragen geplatzt.
"Nein, natürlich nicht. Beruhigen sie sich erst einmal. Sehen sie doch nicht alles so ernst," entgegnet ihm Franz, weiterhin die Ruhe in Person.
"Wieso sollte ich mich beruhigen. Ich habe ihre Verarscherei satt. Ich suche eine Arbeit, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Sie können vielleicht den dummen Augustin spielen, aber ich nicht," schreit er, bevor er aufspringt.
"Nein der dumme Augustin bin ich nicht. Ich bin Franz Banze und zwar nebenbei bin ich...," weiter kommt er gar nicht, da keift der Mann ihn wieder an.
"Das juckt doch einen Toten," brüllt er noch, als er die Tür aufreißt und nach draußen stampft, "Ich gehe zu einen ihrer Kollegen!"
"Tja, das war wohl nichts. Die Menschen sind einfach viel zu ernsthaft," spricht er leise zu sich selbst, "aber noch ist nicht aller Tage Abend. Die Nr. 2 bitte ins Zimmer 13!"
och auch bei seinen anderen Arbeitsuchenden bleiben seine Bemühungen erfolglos. Dem einen kann man es nicht recht machen, für den anderen ist leider das Passende nicht da, die andere will sich nicht anpassen und diejenige darf nicht. Da helfen selbst seine kleinen Späße, wie sein Stolpern über die Telefonschnur, der Trick mit dem endlosen Taschentuch, die Tauben aus dem Schrank oder die Krawatte, die in der Schublade hängen bleibt, nicht mehr, um ein Lächeln oder gar ein Schmunzeln auf die Lippen der Menschen zu zaubern, nein er erreicht eher das Gegenteil, obwohl er sich mehr Mühe gibt, als es sonst der Fall ist. So schrumpft auch im Verlauf des Tages das breite Lächeln, über ein Grinsen, dann zu einem kleinen Lächeln und schließlich zu einem Schmunzeln am Ende seiner Arbeitszeit. Etwas traurig nimmt er seine Sachen und will in die Stadt, um andere Personenkreise zu treffen. Vielleicht sind hier die Menschen etwas glücklicher.
Doch in der Stadt bietet sich kaum ein anderer Anblick. Überall hasten noch die Menschen, als ob sie auf der Flucht wären, rempeln sich an, ziehen aber sofort ohne Entschuldigung weiter. Ihre Gesichter zeigen die gleiche Mimik, wie die Büroweltler am Morgen.
Plötzlich wächst das Lächeln des Clowns wieder. Er hat einen lächelnden Menschen entdeckt, der ähnlich wie Franz gekleidet ist. Dieser Mann ist mit einem bunten Anzug bekleidet und um die 40 Jahre alt. Er scheint so groß wie Franz zu sein und in der restlichen Statur scheinen sie sich auch nicht zu unterscheiden. Sein Blick trifft jetzt auch auf Franz und er steuert, genau wie Franz, auf ihn zu, ähnlich wie zwei Verliebte, die sich lange gesucht und endlich gefunden haben. Schließlich sind sie sich so nah, dass sie sich umarmen und der Mann Franz als erstes begrüßt:
"Mensch Franz, freut mich dich zu sehen."
"Hallo Augustin, was machst du denn hier?"
"Unser Zirkus ist doch in der Stadt und ich dachte mir, dass ich mir noch einmal vor der Vorstellung die Innenstadt ansehe. Wir waren lange nicht mehr mit dem Zirkus in einer so großen Stadt und scheinbar gibt es hier viel zu tun. Überall nur mies gelaunte Menschen. Ui, Ui, Ui!"
"Ach, wem sagst du das. Ich wohne schließlich hier. Die Menschen haben angeblich keine Zeit mehr für Späße und Fröhlichkeit, obwohl sie Feierabend haben und diesen genießen könnten, sind alle Erwachsenen schlecht gelaunt. Die hasten vielleicht durch die Stadt, als ob wir eine Inflation hätten und ihr Geld ausgeben müssten. Oder schau dir mal die Händler an. Die schauen vielleicht schlecht aus der Wäsche. Für sie läuft angeblich das Geschäft schlecht, so wie immer, wie sie sagen. Ich frage mich nur, wieso die Läden überhaupt dann noch da sind. Genauso frage ich mich immer wieder, warum schauen die Leute nicht einmal auf die guten Seiten, die das Leben hat? Dass sie gesund sind, dass sie sich haben? Warum müssen sie sich so beeilen? Ich zeige ihnen immer die positiven Seiten oder will sie zum Lachen bringen, damit sie wenigstens ein wenig fröhlich sind, doch kaum einer geht darauf noch ein. Ihr Pessimismus ist fast ansteckend," stöhnt Franz.
"Mein Gott, was ist denn mit dir los? Also so hört sich doch kein Clown an. Reiß dich zusammen!"
"Das muss am guten Wetter liegen," scherzt Franz und lacht erst mal herzhaft. Augustin stimmt mit ein und, nachdem sich beide beruhigt haben, führt er weiter aus: "Also so hörst du dich schon besser an. Aber da habe ich noch eine Idee. Wie wär´s, wenn du heute Abend zu mir in die Vorstellung kommst und danach können wir etwas plaudern?"
"Na klar doch," freut er sich sofort.
"Da kannst Du noch was lernen," meint Augustin ironisch und gibt Franz eine Karte.
"Danke schön, aber mit dem Lernen, das bezweifele ich," kontert er, "bis heute Abend."
"Bis heute abend, mein Freund," ruft Augustin schon aus einiger Entfernung, während Franz auf der Stelle stehen bleibt und in Gedanken versunken ist. Das wird bestimmt ein spaßiger Abend. Er macht sich im Augenblick auch keine Sorgen mehr über die Menschen. Vielleicht bringt die Vorstellung noch eine freudige Überraschung mit sich und er hat einige Menschen falsch eingeschätzt, vielleicht, führt er seine Gedanken noch zuende und bummelt selber weiter durch die Stadt. Dabei träumt er schon vom Abend, wie toll die Aufführung werden kann mit der Musik, den Menschen, Tieren und anderen Attraktionen. Er liebt den Zirkus, denn er hat ja schließlich dort auch mal gearbeitet, vor langer Zeit.
s ist Abend geworden und Franz hat einen Platz in der Mitte der Ränge erwischt, damit er mitten unter den Besuchern ist. So bekommt er auch viele Gespräche mit, was ihm sein Forschen nach einer Antwort natürlich erleichtert.
Das Zelt ist hell erstrahlt mit roten, blauen und gelben Lichtern und Scheinwerfern. Eine kleine Kapelle sitzt über dem Eingangstor, welches der Künstlereingang in die große Manege ist. Das Zelt selber bietet Platz für viele Menschen, welche auch schnell dieses füllen, denn Zirkusse gibt es nicht mehr viele im Land und somit ist ein Zirkus eine seltene Attraktion geworden. Trotzdem sieht man heute viele unruhige Menschen, die auf den Beginn der Vorführung warten, an einem sonst fröhlichen Platz, wie den Zirkus, Einige lästern schon über die Verspätung von schon einer Minute. Aber hier und da hört man schon mal ein Gelächter, dass von kleineren Kindern stammt, die es noch geschafft haben, bis zu so später Stunde wach zu bleiben. Deren Lachen ist ein Wohlklang für die Ohren von Franz.
Da wird das Licht schon abgedunkelt und aus einigen Ecken hört man ein erleichtertes "Endlich".
Als erstes erklingt die Kapelle und die Zuschauer werden vom freudestrahlenden Zirkuschef begrüßt, der den Ablauf des Abends verkündet. Es ist eine phantastisches Programm und die Löwen mit ihren Tricks, die Hochseilakrobaten, Feuerschlucker und viele, viele mehr ernten rasenden Applaus. Nun ist auch Franz Freund Augustin dran, der jedoch nur mit einem schwachen Applaus empfangen wird. Einige Leute stöhnen schon: "Och nö, ein Clown. Wie primitive," oder, "Clowns, die finde ich vielleicht öde, du," doch deren Meinung kann sich noch ändern, versucht Franz positiv zu denken, es sind ja nicht alle so.
Doch da hat er sich geirrt. Augustins Programm bringt nur wenige zum Lachen. Viele sitzen da und gähnen, einige rufen sogar, dass er endlich gehen soll, doch davon lässt er sich nicht beeinflussen, denn die Kinder sind sein bestes Publikum. Sie sitzen zwischen den großen Zuschauern und rollen sich fast vor Lachen unter den staunenden Blicken ihrer Eltern. Ihre Gesichter sind von einem breiten Lachen gezeichnet, wie das von Franz. Sie kennen keine Scheu und zeigen offen, was sie fühlen. Sie fesseln Franz Gedanken und lassen ihn seine restliche Umgebung vergessen. Sie stehen ihm am nächsten mit ihrer natürlichen Fröhlichkeit.
Nach Augustins Auftritt ist die Vorführung noch nicht zu Ende. Es folgen noch einige Künstler, doch Franz folgt diesen nicht mehr. Er muss an die Kommentare der Leute denken und an die Kinder denken. Sie haben ihn und bestimmt auch Augustin nachdenklich gestimmt.
ach der Vorführung verlässt er mit dem anderen Publikum das Zelt. Er hat jetzt noch eine Verabredung mit Augustin in seinem Wagen, wo er auch schon erwartet wird. Die Einrichtung im Wagen ähnelt von ihrer Farbenvielfalt der von Franz, jedoch ist alles in einer kleineren Ausführung oder gar nicht vorhanden. Der Wagen selber wird von einigen Kerzen erhält und auch diese Wohnung strahlt Harmonie aus, jedoch vermittelt diese eine andere Art von Gemütlichkeit durch das gedämpfte Licht, als Franz seine Wohnung. Augustin begrüßt ihn freundlich, aber seine Betroffenheit über die Vorstellung ist nicht zu übersehen.
"Tja," fängt Augustin die Unterhaltung an, "du hattest wohl doch recht. Ein Clown hat´s heut leider schwer."
Beide setzen sich auf zwei kleine Hocker im Küchenteil.
"Ja, ja. Die Menschen haben sich geändert. Sie sind viel zu ernsthaft. Das Kindhafte fehlt ihnen nur allzu oft. Sie sind viel zu sehr auf sich fixiert," erläutert Franz, "aber wie würde dann die zukünftige Welt aussehen, wenn sich die Sache noch verschlechtert?"
"Das könnte ein böses Erwachen für uns geben, wenn die Menschen sich nicht rechtzeitig ändern. Dann kann es passieren, dass wir wirklich überholt sind und in Vergessenheit geraten. Dann wären die Menschen auf sich selbst gestellt und wir könnten ihnen nicht mehr den Spiegel vor Augen halten."
"Das wäre sehr gefährlich, eines Morgens aufzuwachen und das Leben wäre farblos. Es würde alles nur noch grau in grau sein und das Lachen wäre ein seltener Luxus."
"Doch so lange Kinder lachen können, haben wir eine Chance. Aber wenn selbst sie zu gefühllosen Wesen werden, die nicht mehr die Wärme eines glücklichen Lächelns ihrer Eltern kennen, sondern von einem Ort zum anderen gehetzt werden und unter ständigen Druck stehen, wenn sie Freunde nicht mehr kennen, weil sie keine Zeit für einander haben und die Technisierung dieser Gesellschaft sie abstumpft, dann sind nicht nur wir Clowns, dann ist die ganze Welt verloren," fügt Augustin hinzu und holt eine Flasche Wein und Gläser hervor.
"Dann würde aus dem Leben ein Alptraum. Also lass uns die Welt wachrütteln, so lange wir das noch können."
"Prost, auf unsere Arbeit," prostet er Franz zu.
"Prost, auf eine gute Zukunft, hoffentlich."
Am weiteren Abend führen sie dann Gespräche über andere, aber schöne Dinge, die ihnen seit dem letzten Zusammentreffen zugestoßen sind und so wird dann im
Verlauf des Abends und der Nacht nicht nur eine Flasche von den beiden geleert. Dabei haben sie zwar noch einigen Spaß, jedoch kommen sie nicht ganz über ihr Tief hinweg.
s ist drei Uhr Nachts und man sieht eine Gestalt über den sehr dunkeln Platz, zwischen den Zirkuswagen hindurch, torkeln, die als Ziel scheinbar die Straße hat. Dort wartet schon ein Taxi auf sie und als sie ins Licht einer Laterne tritt, erkennt man, man hätte es auch nicht anders erwartet, Franz. Er öffnet die Tür des Taxis und lässt sich auf den Sitz fallen.
"Wohl etwas über den Durst getrunken mein Freund;" begrüßt ihn der Taxifahrer, ein junger südländischer Mann, und lacht erst mal.
"Sie... gefallen mir. Ich meinnnn ihr Lachen," bringt Franz hervor.
"Danke schön. Wohin soll die Reise denn gehen?"
"Nach Paris," entfährt es ihm.
"Wohl einen Clown gefrühstückt, wie?"
"So ähnnnnlich. Nein,...ich mussss zur Blumengasse 77."
"Geht in Ordnung."
Mit diesen Worten startet der Zähler und auch die Reise des Taxis. Nach zehn Minuten erreicht es sein Ziel und nach dem Bezahlen durch Franz, rast es seinem nächsten Kunden entgegen. Franz hingegen schleppt sich mühevoll die Treppe hoch und steht schließlich sicher vor seiner Eingangstür. Schon nach fünf Minuten, für seinen Zustand sehr schnell, hat er es endlich vollbracht und die Türe aufgemacht. Nachdem er drinnen ist, schließt er diese wieder und wird durch seinen Papageien empfangen, welcher, nachdem er den ganzen Tag alleine verbringen musste, etwas beleidigt ist.
"Korax. Wo kommst Du her?"
"Isch habe einnnen Freund besucht," erklärt Franz.
"Hast getrunken, Korax, hast getrunken."
"Ein wenig," will er sich rausreden und lässt sich erst einmal auf das Bett fallen, wo er sich langsam von seinen Sachen befreit und diese einfach in den Raum wirft.
Ich werde sie morgen früh wegräumen, nimmt er sich vor.
"Wie war der Tag? Korax."
"Nicht gut, ...aber irgendwie dochhh ...oder aberrr auch nich´, ...auf jeden Fall spaßig ...am Schluss ...unnnd traurig, Gäähn," kann Franz noch sagen und schläft ein.
Der Papagei weiß nicht, wie er auf dieses Gestammel reagieren soll und wackelt eine Weile mit dem Kopf. Er entschließt sich, nichts großartiges mehr darauf zu sagen, außer seinem "Gute Nacht"-Gruß: "Träume gut," danach schließt er selber die Augen und vervollständigt noch seinen Gruß,
"Korax, gute Nacht, Freund, gute Nacht, Korax."