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von Tobias Ralph Hartwich
(Ende 1998 / Anfang 1999)

angsam begannen die Räder des Zuges sich zu bewegen; leise ertönte das Summen des Zugwagens. Eine sanfte, kaum zu spürende Beschleunigung setzte ein und ließ den Zug den Bahnhof der Stadt verlassen. Als ob zwischen Zug und Schiene ein Luftpolster bestünde, das jegliche Unebenheit verschwinden ließe, so entschwebte der Bahnhof gemächlich aus dem Blickfeld der reisenden und pendelnden Menschen. Diejenigen, die mit dem Rücken zur Fahrtrichtung saßen, sahen, wie sich ihnen der Blick auf die Stadt preisgab; beleuchtete Fassaden, Lampen und Lichter; große Bauwerke; Menschen, die alle ihre Wege beschritten, manche suchend, manche zielstrebig, manche innehaltend oder zögernd, vielleicht nach dem rechten Weg fragend; lachend, mürrisch, fröhlich guckend.
    Nach einer Biegung lag der Bahnhof im Blickfeld der Passagiere. Erleuchtete Warteflächen, Uhren, Geschäfte, Menschen, die auf ihre Verbindung warteten, vielleicht hatten sie sie auch gerade verpaßt, Unterstände gegen die ungeliebten Regenschauer dieser Region des Landes, Treppen, die jeden Ankommenden irgendwohin führen würden.
    Der Zug hatte schon fast die angestrebte Reisegeschwindigkeit erreicht und war schon weit von der Herzen der Stadt entfernt, aber dennoch konnte an der Formation der Gleise, auf denen der Zug fuhr, erkannt werden, daß in der Nähe ein großer Bahnhof liegen mußte. Der Zug fuhr auf einem von zwölf Gleisen, die parallel verliefen. Manche von diesen Gleisen wurden als zwischenzeitliche Abstellgleise für Industriegüter genutzt, und unzählbare Wagons reihten sich aneinander und ließen neugierige Passagiere im unklaren darüber, was sie transportierten.
    Es war duster geworden, und die Lichter der an die Bahngleise angrenzenden Häuser spiegelten sich in den blanken Schienen. Signalanlagen standen wie Wächter in der Dunkelheit und wiesen den richtigen Weg; mit ihren glühenden Lampen schienen sie umherzublicken und instinktiv alles so zu regeln, daß keiner zu spät oder nie sein Ziel erreichte.
    Der Zug vibrierte sanft, und im Inneren des Zuges herrschte trotz der Anzahl der Fahrgäste eine angenehme Stille, die für viele das entspannende Ende eines erfüllten Tages eröffnete.

Ächzend fuhr die Bahn an, um daraufhin erst einmal stehen zu bleiben und einen erneuten Versuch zu starten, der dann glücklicherweise - endlich - auch gelang. Metall zog an Metall, Bolzen, Verbindungsstücke, Nieten und andere mechanische Teile wurden ein weiteres mal einer Tortur unterzogen, für diese sie hoffentlich auch gemacht waren. Die Maschine heulte auf und brachte den Zug nur ganz langsam dazu, sich von der Stelle zu rühren. Die Räder rollten mit unglaublicher Brutalität und nicht zu stoppender Zielgewißheit über die Schienen, und jede Nahtstelle drückte wieder auf die Trommelfelle, als wären diese nicht schon genug gepeinigt worden. Der Zug kam endlich in die Gänge und verließ das Grau in Grau, das Beton-, Metall- und Glasgemisch, was sich moderne Architektur schimpfte. Häßlich, im Grunde genommen menschenverachtend, wie im Gleichschritt, im Akkord, alles funktionierte, alles ging weiter, und die an den Bahnsteigen wartenden Leute blickten dem Zug hinterher, wenn sie nicht weiterhin vor sich starrten und einen weiteren Grauton der Stadt ausmachten.
    Als Bahnfahrer in einer Großstadt, umgeben, umzingelt, getroffen von der modernen Gesellschaft, die durch Schilder, Leuchten, Aufkleber und Etiketten geordnet ist, wobei sie selber aber auch Etiketten vergibt. Funktionieren, das muß sie, ihren Zweck erfüllen, Funktionalität, Rationalität, aber wofür? Gegen Verschwendungssucht, Schönheit?
    Heruntergekommene Bahnschranken begleiten den Zug auf seiner Strecke; Signale, von denen Optimisten sagen, daß sie mal gut einen Topf Farbe wieder sehen könnten, geben geduldig die Richtigkeit des befahrenen Weges an. Als ob je ein Zug einen Weg einschlagen könnte, der vorher nicht von Computerhand genauestens geprüft wurde; wofür dann ein grünes Licht?!
    Die Fahrt wird schneller, und die Waggons rattern in den Schienen; das Schweigen der Massen wirkt drückend und erstickt jegliche Bewegung, man traut sich kaum, seinen Gegenüber anzugucken, wobei der wahrscheinlich sowieso gerade die Augen geschlossen hat oder verloren aus dem Fenster schaut und sich überlegt, wie er dem Tag noch etwas positives abgewinnen könnte.

ch ließ mich in den Sitz fallen, den ich glücklicherweise ergattert hatte, da die Bahn genau an der Stelle Halt gemacht hatte, wo ich eine Tür vermutet hatte. Erfahrungswerte, nichts als Routine. Geschafft, jetzt nur noch nach Hause und ab ins Wochenende. Ich blickte um mich und sah auf dem Sitz mir gegenüber zwischen ein paar sinnlosen Schmierereien eine Bild - Zeitung liegen. Ich streckte die Hand aus, nahm sie und überflog die Titelseite. Der Zug fuhr an, und instinktiv schaute ich aus dem Fenster und sah die Stadt mit all ihren Geschäften. Der Triebwagen, dieser Panzer, gab jetzt mächtig Gas und wieder bewunderte ich die Menschen, die diese Maschine erfunden, entwickelt und gebaut hatten. Nicht, daß ich mir es nicht zutrauen würde, auch in diesem Berufsfeld etwas zu tun und sogar selber etwas zu erfinden, aber die Empfindung der Bewunderung war einfach da.
    Die Bahn war jetzt schon ein ganzes Stück von der Innenstadt entfernt; Schranken, Signale und Schilder zogen in schöner Regelmäßigkeit an mir vorbei. Industrie, Arbeitskraft, Planung, Konkurrenz, harte Arbeit. Wenn man sich vorstellt, was alles nur für den Ist - Zustand unserer Gesellschaft nötig ist, wird einem die Komplexität dessen bewußt, was unter den Begriffen Wirtschaft, Geschichte und Entwicklung zu verstehen ist.
    Angenehme Stille durchflutete den Raum, und auf den Gesichtern meiner Mitmenschen erkannte ich eine Vielzahl von Gemütszuständen, hauptsächlich aber doch Zufriedenheit und Vorfreude auf ein wohlverdientes Wochenende, das Kraft geben sollte für weitere Tage produktiver, kreativer und erfüllender Arbeit. Für manche vielleicht auch frustrierende, nervtötende, krank machende oder unbefriedigende Arbeit.
    Für mich vielleicht etwas von allem, manchmal mehr von diesem, manchmal von jenem. Hauptsache (in unserer Zeit), überhaupt Arbeit? Kein Fragezeichen, Ausrufezeichen!

     © aller Storys beim jeweiligen Autor / Herausgeber: Herz Mariä-Jugend / Programmierung: Markus Rohde